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Emotionen bei Tinnitus

Emotionale Verarbeitung bei Tinnitus

Ziele
In dieser Studie soll der Zusammenhang zwischen der emotionalen Verarbeitung auf der einen Seite und der Schwere des Tinnitusleidens auf der anderen Seite bei subakuten wie auch chronischen Tinnituspatienten näher beleuchtet werden. Die aktuelle Literatur widmet sich diesem Thema kaum, obwohl die geltenden Modelle zur Entwicklung von Tinnitus der emotionalen Verarbeitung eine bedeutsame Rolle zuschreiben.
Verglichen wird hier die emotionale Verarbeitung von positiv, negativ und neutral valenten Bildern durch Tinnituspatienten und Kontrollen. Dazu werden subjektive Urteile, peripherphysiologische Maße sowie die Hirnaktivität mittels funktionaler Magnetresonanztomographie und Elektroenzephalographie erfaßt. Dabei stellen sich folgende Fragen:
a) Inwiefern ist die emotionale Verarbeitung bei Tinnituspatienten verändert?
b) Inwiefern wird durch die eventuelle Veränderung die Stärke des Tinnitus und das Ausmaß der Belastung durch den Tinnitus beeinflusst?
c) Tritt eine mögliche Veränderung der emotionalen Verarbeitung bereits im frühen Stadium des Tinnitus auf oder erst im späteren Verlauf?
d) In welchen Hirnregionen spiegeln sich diese Veränderungen wider?

Hintergrund
Aktuelle Tinnitus-Modelle wie das von Jastreboff (z.B. Jastreboff, 1990) betonen, daß ein wesentlicher Bestandteil in der Entwicklung des Tinnitus die verstärkte emotionale und autonome Reaktivität darstellt. Bisher sind Forschungsarbeiten zur Rolle der affektiven Komponenten in der Entstehung des Tinnitus jedoch rar gesät. In der Literatur wurde vor allem auf den Einfluß assoziierter depressiver Symptome eingegangen, die oft infolge einer Tinnituserkrankung auftreten (siehe z. B. Katon et al., 1993; Sullivan et al., 1988; Tyler & Baker, 1983). Außerdem zeigte eine PET Studie, daß Tinnituspatienten auf Tinnitus-ähnliche Laute mit einer signifikanten Aktivierung limbischer Areale reagieren (Mirz et al., 2000). Keine dieser bisherigen Studien untersuchte jedoch, inwieweit emotionales Material, das unabhängig von der auditiven Modalität verarbeitet wird, und somit ein Maß für die allgemeine emotionale Verarbeitung darstellt, von Tinnituspatienten anders verarbeitet wird als von Kontrollen. In dieser Untersuchung wird daher das von Lang et al. (1990) zur Untersuchung emotionaler Verarbeitungsprozesse entwickelte International Affective Picture System verwendet, eine Serie von standardisierten Bildern mit unterschiedlicher emotionaler Valenz- und Erregungsbewertung. Lang et al. stellen im Rahmen des Bildsystems außerdem Daten aus subjektiven Urteilen sowie physiologischen Messungen von großen Kontroll-Stichproben zur Verfügung, die als Vergleichsdaten für die Tinnituspatienten dienen.

Pilotstudien und vorläufige Ergebnisse
Das hier verwendete Design gilt als Standardverfahren zur Erforschung von Emotionen. Es wurde u.a. auch an diesem Lehrstuhl eingesetzt sowohl bei gesunden Kontrollen (z.B. Flor et al., 1996; Hermann et al., 2000) als auch bei verschiedenen Patientengruppen wie Sozialphobikern und Psychopathen (Birbaumer et al., 1998; Flor et al., in press). In Zusammenarbeit mit Frau Prof. Flor wurden außerdem bereits Hirnregionen identifiziert, die von der korticalen Reorganisation bei Tinnitus betroffen sind. Die Analyse der tonotopen Karte im auditorischen Kortex ergab, daß die Areale, welche die Tinnitusfrequenz repräsentieren, relativ zu anderen Frequenzarealen verschoben sind (Mühlnickel et al., 1998).

Studienplan
Die Stichprobe besteht aus 16 Personen mit einer Tinnitusdauer von weniger als 3 Monaten, 16 Personen mit einer Tinnitusdauer von mehr als 2 Jahren sowie 16 gesunde Kontrollpersonen (nach Geschlecht und Alter parallelisiert). Die Bestimmung des Tinnitus der Teilnehmer erfolgt mittels standardisierter audiologischer Testverfahren in Kooperation mit der Hals-, Nasen- und Ohren-Abteilung des Klinikum Mannheim. Im Labor des Lehrstuhls findet außerdem eine weitere audiologische Untersuchung statt, um den Tinnitustyp weiter charakterisieren zu können. Die psychometrischen Tests umfassen diverse Instrumente wie die Symptomchechkliste 90-R, deutsche Version (Franke, 1995) sowie ein standardisierte Tinnitus-Interview mit Fragebogen (Göbel, 1994). Die Patienten werden im Abstand von einer Woche an zwei Sitzungen teilnehmen. In einer dieser Sitzungen wird ein 32-Kanal-EEG abgeleitet. Außerdem werden peripherphysiologische Maße wie die Herzrate, die elektrodermale Aktivität sowie das Corrugator-EMG und der Schreckreflex auf einen akustischen Reiz hin (95dB) erfaßt. Diese Maße werden erhoben während die Studienteilnehmer Bilder des IAPS mit unterschiedlicher Valenz (positiv, negativ, neutral) und unterschiedlichem Arousal (hoch – niedrig) sehen. Die Bilder werden in zufälliger Reihenfolge für jeweils 6 Sekunden gezeigt mit einem Interstimulusintervall von 15 bis 19 Sekunden. Außerdem schätzen die Teilnehmer die Valenz und das Arousal der einzelnen Bilder ein.
Unter der Annahme, daß die emotionale Verarbeitung einen Einfluß auf die Entwicklung von Tinnitus hat, wird ein Unterschied zwischen Tinnituspatienten und gesunden Kontrollen erwartet. Das EEG kann dabei helfen, die Art der Informationsverarbeitung aufzudecken, die Patienten im unterschied zu Kontrollen kennzeichnet.
In einer anderen Sitzung wird ein vergleichbares Design verwendet, diesmal sehen die Teilnehmer allerdings ein anderes, in Valenz und Arousal parallelisiertes Bilderset des IAPS. Nun wird allerdings die Hirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomographie erfaßt.
Dies ermöglicht es, die Hirnregionen zu identifizieren und zu analysieren, die während der emotionalen Verarbeitung bei Tinnitus-Patienten und Kontrollen aktiv sind.


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