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Rückschau: Fachsymposium 50 Jahre Gemeindepsychiatrie in Mannheim

Im Jahr 1969 wurde in Mannheim Psychiatriegeschichte geschrieben: Die deutschlandweit erste Abteilung für Gemeindepsychiatrie nahm ihre Arbeit auf. Dieser Anlass wurde Anfang November mit einem Fachsymposium gefeiert.

Gruppenfoto der anwesenden Referenten

Aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums beleuchtete ein mit namhaften Referenten besetztes Fachsymposium Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gemeindepsychiatrie in Mannheim (von links: Dr. N. Pörksen, Prof. G. Schomerus, Prof. H. Häfner, Dr. J. Bullenkamp, Prof. A. Meyer-Lindenberg, Prof. H.-J. Salize). Foto: © ZI / Nikola Haubner

Publikum der Veranstaltung

Mit mehr als 120 TeilnehmerInnen war das Fachsymposium ein großer Erfolg. © ZI / Nikola Haubner

Wohnortnah und umfassend versorgt

Von Anfang an ging es der Gemeindepsychiatrie darum, für Menschen mit psychischen Erkrankungen ein Versorgungssystem aufzubauen, das sie auch außerhalb der psychiatrischen Klinik unterstützt – wohnortnah und umfassend. Das reicht von der Beratung und Hilfe bei Behördengängen und Wohnungssuche über die Freizeitgestaltung, die Rückkehr in die Arbeitswelt, den Kontakt zu Familie, Nachbarn und Freunden bis hin zur fachärztlichen Behandlung. 

Das „Mannheimer Modell der Gemeindepsychiatrie“ machte Schule und wurde zum Vorbild für viele ähnliche Einrichtungen im In- und Ausland. Durch die Zusammenarbeit von ZI, der Stadt Mannheim und den freien Wohlfahrtsverbänden ist das außerklinische Netzwerk für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Mannheim auch heute noch reichhaltig und eng geknüpft.

Gestern. Heute. Morgen – Fachsymposium zum Jubiläum

Aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums beleuchtete ein mit namhaften Referenten besetztes Fachsymposium am 8. November 2019 im MARCHIVUM Mannheim die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Sozial- und Gemeindepsychiatrie.

Die Versorgung psychisch erkrankter Menschen als verletzbarer Bereich

Zu den Rednern des Symposiums gehörten Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Häfner, der Initiator und erste Direktor des ZI, sowie Dr. Niels Pörksen, der als erster Leiter der Gemeindepsychiatrie in Mannheim über die Anfangsjahre berichtete. Diese beiden Zeitzeugen gaben faszinierende Einblicke in das Konzept und seine Entwicklung, in das hohe persönliche Engagement der VorkämpferInnen und die zunehmende Professionalisierung der Herangehensweisen. „Die Versorgung psychisch erkrankter Menschen ist ein verletzbarer Bereich“, betonte Häfner, „das ist eine Mahnung an uns alle.“ Er erinnerte an den Umgang mit den PatientInnen in der NS-Zeit und nach dem Zweiten Weltkrieg, als „Irrenanstalten“ weithin eher einem Gefängnis als einem Krankenhaus ähnelten. Die wichtigsten Impulse für die Gemeindepsychiatrie kamen aus den USA, wo Häfner Erfahrungen sammelte: Er gilt daher als einer der Väter der Psychiatrie-Reform in Deutschland. 

Die Gemeindepsychiatrie – eine verwegene Forderung? 

Pörksen nannte es „eine verwegene Forderung“, in der Gründungsphase des ZI eine Abteilung für Gemeindepsychiatrie aufzubauen: „Niemand konnte damals in Mannheim etwas mit uns anfangen, als wir uns bekannt machen wollten.“ Die ersten Erfahrungen sammelte Pörksen mit seinem Team in der Nicht-Sesshaftenhilfe, und er schilderte bildhaft die Fallberatungen, die mit den MitarbeiterInnen des Sozialamtes und der Familienfürsorge schnell zum Standard wurden. „Wir wollten mit den Menschen arbeiten, nicht nur für sie“, fasste er zusammen: So sollten beispielsweise die Bewohner eines Männerwohnheims selbst für eine bessere Versorgung ihrer Unterkunft mit Heizung und Warmwasser kämpfen. 

Das Mannheimer Modell der Gemeindepsychiatrie – ein deutschlandweites Vorbild 

Schnell wurde die Gemeindepsychiatrie bekannt und ist heute nicht mehr wegzudenken. Das Mannheimer Modell machte deutschlandweit Schule. „Durch die Zusammenarbeit von ZI, Stadt und freien Wohlfahrtsverbänden ist das außerklinische Netzwerk für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Mannheim reichhaltig und eng geknüpft“, sagte der Leiter der Abteilung Gemeindepsychiatrie am ZI, Dr. Jens Bullenkamp. Er zeigte in Meilensteinen auf, wie sich die Abteilung und ihre Aufgabenstellung in den letzten 50 Jahren weiterentwickelt hat.

Bedeutung von lokaler Nähe und Authentizität

Über die Einstellung der Gesellschaft zu psychischen Erkrankungen und die Selbststigmatisierung psychisch Erkrankter forscht Prof. Dr. Georg Schomerus aus Leipzig. Er zeigte auf, was sich in den letzten Jahrzehnten hierzu verändert hat und was zu tun ist, um Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen künftig noch besser zu begegnen: Es kommt auf den direkten Kontakt zwischen Menschen mit und ohne psychische Erkrankungen an, die lokale Nähe und Authentizität der Handelnden. „Und langfristige Aktivitäten sind besser als einmalige Aktionen.“ 

Neue Technologien und politische Forderungen 

Prof. Dr. Ulrich Reininghaus, Leiter der Abteilung Public Mental Health des ZI, trug anschließend vor, welchen Einfluss moderne Technologien auf die psychische Gesundheit nehmen können: Internet und Smartphone bergen hierzu viele Risiken, bieten aber auch neue Möglichkeiten für Behandlung und Forschung. Prof. Dr. Hans-Joachim Salize, Leiter der Arbeitsgruppe Versorgungsforschung des ZI, forderte für die Zukunft der Sozial- und Gemeindepsychiatrie, dass diese wieder politischer werden und mehr Forderungen an die Gesellschaft stellen solle. Es reiche nicht aus, nur um die Inklusion und Integration von psychisch erkrankten Menschen zu kämpfen, sondern der Wert der psychischen Gesundheit müsse erkannt werden und Erkrankungsrisiken reduziert werden.  

Ein rundum gelungenes Symposium 

Mit deutlich mehr als 120 TeilnehmerInnen war das Fachsymposium „Gestern. Heute. Morgen!“ insgesamt ein großer Erfolg. Hierzu trugen sicherlich auch das Beiprogramm mit dem Kabarettauftritt der ZWEIfler und der Veranstaltungsort des MARCHIVUM bei. Dessen Kapazität war zwar nahezu erschöpft, trotzdem ergaben sich in den Pausen und im Anschluss zahlreiche Möglichkeiten, sich über die Vorträge und andere Themen auszutauschen – über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Sozial- und Gemeindepsychiatrie.  

Hier erhalten Sie das Programm des Symposiums als PDF-Download.



Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de