Resilienz beschreibt die Fähigkeit, trotz Krisen psychisch gesund zu bleiben und wieder in das eigene Gleichgewicht zurückzufinden. Oft wird Resilienz mit Widerstandsfähigkeit übersetzt und als ein festes Charaktermerkmal verstanden – eine Art Überkraft, die man entweder hat oder nicht. Michèle Wessa sieht das kritisch: „Resilienz ist keine unveränderliche Eigenschaft, sondern ein dynamischer Prozess. Es gibt nicht die eine Veranlagung, die Menschen gesund hält.
Vielmehr ist Resilienz ein Zusammenspiel aus Fähigkeiten und Erfahrungen und wir können sie im Laufe unseres Lebens erlernen und trainieren.“ Dabei geht es nicht darum, ein Schutzschild aufzubauen, das alles Negative abprallen lässt und uns unverwundbar macht. Auch resiliente Menschen sind gestresst, erschöpft oder zweifeln, doch sie finden Wege, ihre psychische Gesundheit trotz Belastungen zu bewahren oder nach Krisen schnell wiederherzustellen.
Ursprünglich stammt der Begriff aus der Materialforschung und bezeichnet Stoffe, die nach Druckeinwirkung in ihre Ursprungsform zurückkehren. „Ähnlich können auch Menschen nach Krisen wieder in ihr inneres Gleichgewicht finden. Anders als das resiliente Material aber, kehren sie fast nie exakt in den ‚Ursprungszustand‘ zurück, denn Krisen verändern den Menschen natürlich auch“, beschreibt Wessa.
Ein Kreis schließt sich
2024 kehrt Michèle Wessa an den Ort zurück, den sie selbst als Wiege ihrer wissenschaftlichen Karriere beschreibt: ans ZI. Seit Oktober 2024 leitet sie die Abteilung Neuropsychologie und psychologische Resilienzforschung am ZI sowie die Abteilung Cancer Survivorship and Psychological Resilience am DKFZ-Hector Krebsinstitut an der Universitätsmedizin Mannheim und der Medizinischen Fakultät Mannheim.
„Ans ZI zurückzukommen, sozusagen den Kreis zu schließen, das war eine wirklich tolle Gelegenheit“, erinnert sich Wessa. In den Räumen, in denen heute ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten, saß sie selbst als junge Forscherin. Hier hatte sie als Praktikantin erste Einblicke in die klinische Psychologie gewonnen. Später promovierte sie am Institut für Neuropsychologie und Klinische Psychologie bei der renommierten Schmerzforscherin Prof. Dr. Dr. h.c. Dr. h.c. Herta Flor. Nach Stationen in Frankreich und Heidelberg führte ihr Weg im Jahr 2013 an die Universität Mainz. Dort war sie elf Jahre lang als Professorin tätig und gründete gemeinsam mit anderen ExpertInnen das Leibniz-Institut für Resilienzforschung.
Heute, rund 20 Jahre nach ihrer Promotion, arbeitet sie am ZI wieder mit Herta Flor zusammen. „Dass wir weiter gemeinsam forschen, finde ich außergewöhnlich und dafür bin ich sehr dankbar“, so Wessa.
Was Wessa in ihrer Arbeit antreibt, ist das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Sie möchte Präventionsangebote schaffen, die Menschen dabei helfen, gesund zu bleiben. „Jeder Mensch erlebt in seinem Leben schwere Zeiten“, sagt sie. „Je mehr wir darüber erfahren, was uns trotzdem gesund hält, desto besser können wir dieses Wissen weitergeben und anderen helfen.“ Viele Menschen wissen gar nicht, über welche inneren Ressourcen sie verfügen oder wie sie sie nutzen können. „Deshalb ist es wichtig, dass wir einerseits diese Ressourcen erforschen, andererseits aber auch den Menschen und der Gesellschaft vermitteln, was uns eigentlich gesund hält.“
Resilienz ist trainierbar
Zwar beeinflussen auch genetische Voraussetzungen die Stressregulation, doch entscheidend ist: Resilienz lässt sich trainieren. Wessa, die auch im Bereich der Sportpsychologie forscht, erklärt das so: „Natürlich kann nicht jeder Mensch SpitzensportlerIn werden. Denn wir bringen unterschiedliche Anlagen und Talente mit. Aber: Training macht einen großen Unterschied. Im Sport sehen wir, dass Menschen mit ganz verschiedenen Voraussetzungen am Ende ähnlich weit kommen können, weil die einen vielleicht besonders diszipliniert trainieren, während die anderen ihre besonderen Stärken einbringen. Und so ähnlich ist es mit der Resilienz.“
Die Forschung hat inzwischen zentrale Resilienzfaktoren identifiziert, die sich gezielt stärken lassen. Dazu gehören zum Beispiel eine optimistische Denkweise, Selbstwirksamkeit, soziale Unterstützung, Akzeptanz oder Selbstmitgefühl. Hinter diesen Begriffen stehen häufig konkrete Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens sammelt, und die helfen können, sich an Belastungssituationen anzupassen.
So bedeutet Optimismus, auch in schwierigen Zeiten das Positive wahrzunehmen und den Blick dafür zu schärfen. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit wächst, indem wir die Erfahrung machen, unser Leben aktiv beeinflussen zu können. Und soziale Unterstützung hilft, Belastungen zu teilen, sich zu öffnen und neue Perspektiven zu gewinnen.
Akzeptanz bedeutet nicht, hilflos zu resignieren, sondern anzuerkennen, dass etwas Schwieriges und Unerfreuliches gegenwärtig Teil des eigenen Lebens ist. Erst wenn wir aufhören, um das „Warum“ zu kreisen, öffnen sich neue Handlungsoptionen. Und Selbstmitgefühl schließlich heißt, mit sich selbst so freundlich umzugehen wie mit einem guten Freund. Manchmal genügt schon die Frage: „Was würde ich meiner Freundin in dieser Situation raten?“
Welche Resilienzfaktoren in extremen Belastungssituation – sei es Stress oder Krankheit – eine besondere Rolle spielen und wie sie in Wechselwirkung zueinander stehen, erforscht Wessa für verschiedene Lebensbereiche. Ein wesentliches Ziel ihrer Forschung ist es, die zugrunde liegenden Anpassungsprozesse zu entschlüsseln. So können neue präventive Methoden zur Vorbeugung stressbedingter psychischer Erkrankungen entwickelt werden, um Menschen zu stärken, die sich in belastenden Lebensumständen befinden oder ihnen bevorstehen. Zwei ihrer aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die Resilienz von KrebspatientInnen und von Pflegekräften.
Krebsforschung als neue Herausforderung
In Deutschland erkranken jährlich rund 500.000 Menschen neu an Krebs. Die Diagnose Krebs ist für die meisten Menschen ein Schock. Von einem Tag auf den anderen verändert sich das Leben radikal. Die Erkrankung bestimmt plötzlich Gedanken und Alltag. Gleichzeitig stellen sich unzählige Fragen: Wie gehe ich mit meiner Angst um? Kann ich überhaupt noch Pläne für die Zukunft machen?
Wie schaffen es Menschen, trotz dieser hohen psychischen und körperlichen Belastung, innere Stabilität zu bewahren und psychisch gesund zu bleiben? Dieser Frage widmet sich Wessa in ihrer Forschung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). „Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir Resilienz nicht nur im Zusammenhang mit gesunden Menschen betrachten, die Resilienz erlernen, um dann in Krisen gewappnet zu sein. Wir sollten uns immer auch die Frage stellen: Welche Ressourcen bringen Menschen mit, die psychisch oder körperlich erkrankt sind oder waren? Und wie können sie ihre Ressourcen nutzen, um sich zu schützen?“, so Wessa. Die Mitarbeitenden der Forschungsabteilung Cancer Survivorship and Psychological Resilience untersuchen, welche psychologischen und neurobiologischen Mechanismen dazu beitragen, dass KrebspatientInnen und Langzeitüberlebende von Krebserkrankungen ihre Lebensqualität erhalten. Für Wessa ist die Krebsforschung ein ganz neues Feld und genau das motiviert sie. „Diese Herausforderung anzunehmen, mich selbst ein Stück weit herauszufordern und einen neuen Forschungsschwerpunkt aufzubauen – dem konnte ich nicht widerstehen.“ So erklärt sie, warum sie den Ruf auf die Hector-Professur angenommen hat.
Resilienz von Pflegekräften stärken
Pflegekräfte stehen oft unter Druck: Fachkräftemangel, steigende Anforderungen und hohe Arbeitsbelastung prägen ihren Arbeitsalltag. Hinzu kommt, dass sie regelmäßig mit den Krisen ihrer Patientinnen und Patienten konfrontiert sind. Die körperlichen und emotionalen Belastungen sind hoch. Viele Pflegende entwickeln deshalb stressbedingte Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Schlafprobleme. Gerade im Pflegeberuf ist Resilienz daher von besonderer Bedeutung. Sie schützt vor mentaler Überlastung und bildet die Grundlage für ein langes Arbeitsleben.
Im europäischen Forschungsprojekt XR2ESILIENCE untersuchen Wessa und ihr Team, wie Extended-Reality-Anwendungen die Resilienz von Pflegekräften stärken können. Das Projekt nutzt virtuelle Realität, um Trainingsmodule zu entwickeln, die belastende Situationen realitätsnah nachstellen. Ziel ist es, typische Stressauslöser zu simulieren und den Pflegenden konkrete Bewältigungsstrategien an die Hand zu geben.
Bevor diese Trainingsmodule entstehen, steht jedoch die grundlegende Frage im Zentrum: Was genau macht die Resilienz von Pflegekräften eigentlich aus? Um dies herauszufinden, begleitet das Forschungsteam Pflegende über einen Zeitraum von zwei Jahren. Es erfasst sowohl die Belastungen des Berufsalltags als auch die Faktoren und Mechanismen, die Resilienz fördern. Erst wenn diese entscheidenden Faktoren bekannt sind, lassen sich wirksame Trainings gestalten.
Wissen in den Alltag bringen
Wissen alltagsnah und verständlich zu vermitteln, ist für Wessa eine zentrale Aufgabe der Resilienzforschung. Um Angebote so praxisnah wie möglich zu gestalten, arbeiten sie und ihr Team direkt mit Betroffenen zusammen. „Wir entwickeln Ideen, setzen uns aber auch mit Menschen zusammen und diskutieren: Wie müsste eine Übung sein, damit sie wirklich gemacht wird? Und wie lässt sie sich in den Alltag integrieren?“, erklärt Wessa.
Besonders wichtig ist ihr, auch diejenigen zu erreichen, die bislang kaum Zugang zu Themen wie psychische Gesundheit haben oder über eine geringe Gesundheitskompetenz verfügen. Interventionen in einfacher Sprache seien bislang noch viel zu selten, aber für viele entscheidend, so Wessa. „Im Moment habe ich das Gefühl, wir reichern Wissen vor allem bei Personen an, die ohnehin schon einiges wissen und die Schere wird größer. Dem müssen wir unbedingt entgegenwirken“, betont sie. Es gibt verschiedenste Wege, Resilienz in unterschiedliche Lebenswelten zu bringen: Online-Trainings oder Apps können schnelle Zugänge schaffen, doch nicht jeden erreicht man digital. Auch Presse und Fernsehen sowie Orte, an denen Menschen zusammenkommen – etwa auf Straßenfesten, in Schulen oder in Sportvereinen – eignen sich, um Wissen niedrigschwellig zu vermitteln und passende Angebote zu schaffen. „Letztendlich geht es darum, Neugier zu wecken und in die Lebensräume zu gehen statt zu warten, bis die Menschen zu uns kommen.“
Michèle Wessa hat in ihrer Laufbahn schon viel bewegt und wird dies auch weiter tun. Mit ihrem Team forscht sie an Themen, die für unsere Gesellschaft wichtig sind und uns alle betreffen. Denn das Leben verläuft nicht geradlinig. Wessas Arbeit zeigt, dass wir lernen können, damit umzugehen, unsere Stärken zu entdecken und Wege zu finden, auch in schwierigen Zeiten gesund zu bleiben.

