
Lebensweltnahe Hilfen: Das Ziel der Gemeindepsychiatrie ist es, psychisch erkrankte Menschen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld zu unterstützen. Eine Arbeitsgruppe Gemeindepsychiatrie wurde bereits vor der Eröffnung des ZI gegründet. Bis heute ist die gleichnamige Abteilung ein tragender Pfeiler der psychiatrischen Versorgung in der Stadt.
von Martina Müller-Keitel

Beratung bei Behördengängen, Hilfe beim selbstständigen Wohnen und der Strukturierung des Tages, ambulante Behandlung, Unterstützung bei der Rückkehr in die Arbeitswelt, ärztlicher Rat für Wohnheime und Rehabilitationseinrichtungen – das Angebot der Gemeindepsychiatrie ist facettenreich und groß. Und es hat immer einen gemeinsamen Nenner: Psychisch erkrankte Patientinnen und Patienten erhalten die medizinischen, therapeutischen und rehabilitativen Hilfen niedrigschwellig und wohnortnah. Dazu arbeiten Ärztinnen und Ärzte für Psychiatrie und Psychotherapie Hand in Hand mit Fachkräften für Sozialarbeit und Pflege; medizinische Fachangestellte unterstützen psychisch erkrankte Patientinnen und Patienten in der jeweiligen Erkrankungsphase.
In das ZI wurde die Abteilung Gemeindepsychiatrie bereits 1976, ein Jahr nach seiner Gründung, eingegliedert – zu einer Zeit, in der die Gemeindepsychiatrie in Deutschland noch eine weitgehend unbekannte Aufgabe war. Die Vorarbeiten dazu hatte eine Arbeitsgruppe in der Sozialpsychiatrischen Klinik des Klinikums Mannheim unter der Leitung des späteren ZI-Direktors Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. mult. Heinz Häfner geleistet: Inspiriert von den Reformbestrebungen in der Psychiatrie brachte die Arbeitsgruppe ab dem Jahr 1969 ein außerklinisches Netzwerk zur komplementären Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen auf den Weg. Spezielle Angebote für Wohnen, Freizeit, soziale Kontakte und Arbeit sollten die psychosoziale Beratung und fachärztliche psychiatrische Therapie psychisch erkrankter Menschen ergänzen, deren Ausgrenzung und institutionelle Unterbringung vermeiden und ihnen ein hohes Maß an Lebensnormalität und sozialer Teilhabe ermöglichen. Das Mannheimer Modell der Gemeindepsychiatrie hat schnell über die Grenzen Deutschlands hinaus Schule gemacht.

Komplementäre Versorgungsangebote
Die Abteilung Gemeindepsychiatrie des ZI kooperiert eng mit dem ebenfalls am ZI angesiedelten Sozialpsychiatrischen Dienst. Dessen Aufgabe ist es, psychisch Erkrankte und deren Angehörige niederschwellig zu beraten und ihnen dabei zu helfen, den Alltag zu bewältigen. Bei Bedarf bietet der Dienst auch Hausbesuche an, wichtig ist zudem der Kontakt zu Selbsthilfegruppen.
Ein weiterer wichtiger Baustein im Bereich Nachsorge und beim Bewältigen komplexer Erkrankungsverläufe ist die Zusammenarbeit mit dem Elisabeth-Lutz-Haus, einer Rehabilitationseinrichtung des Caritasverbands. Der Neubau des Hauses im Mannheimer Stadtteil Jungbusch mit 23 stationären und acht teilstationären Plätzen für medizinische und berufliche Reha wurde 2022 eröffnet. Die Innenstadt, das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit und die Gemeindepsychiatrie Mannheim sind fußläufig zu erreichen. Ärztliche Leiterin ist Barbara Vollmayr, die Professorin leitet zugleich die Abteilung Gemeindepsychiatrie am ZI. Eines ihrer wichtigsten Ziele ist es, Patientinnen und Patienten einen nahtlosen Übergang von der medizinischen in die berufliche Rehabilitation zu ermöglichen. „Wir fördern die Patienten individuell und ihren Potenzialen entsprechend, damit eine nachhaltige Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt gelingen kann“, sagt Vollmayr.
Starthilfen
Unterstützt wird sie von der Mannheimer Starthilfe, einem im Jahr 1983 am ZI initiierten Projekt, das psychisch erkrankten Menschen die Chance gibt, den Erst- oder Wiedereinstieg ins Arbeitsleben unter realistischen Bedingungen zu erproben. 60 Partnerunternehmen sind an dem Projekt beteiligt, sie ermöglichen es alljährlich rund 150 psychisch erkrankten Patientinnen und Patienten, wieder in das Arbeitsleben hineinzufinden – mit bemerkenswertem Erfolg: Nahezu 60 Prozent der Teilnehmenden schließen ihre Berufsausbildung ab.
"WIR NUTZEN KOOPERATIONEN INNERHALB UND AUSSERHALB DES ZI, UM PSYCHISCH ERKRANKTE MENSCHEN IN IHREM LEBENSUMFELD ÄRZTLICH, PSYCHOTHERAPEUTISCH UND SOZIAL ZU UNTERSTÜTZEN."

Prof. Dr. Barbara Vollmayr
Ärztliche Leiterin der Abteilung Gemeindepsychiatrie
Zurück in die Normalität: Die Geschichte von Jonas
Die Leistungen des gemeindepsychiatrischen Verbunds greifen eng ineinander
Paranoide Schizophrenie – so lautete die Diagnose, die Jonas in der Psychiatrischen Ambulanz des ZI erhielt. Schon lange quälten den 21-Jährigen massive Schlafstörungen. Er war antriebslos und zerfahren, verhielt sich misstrauisch gegenüber seinem Umfeld und zog sich mehr und mehr zurück. Seine Ausbildung hatte Jonas längst abgebrochen.
Nach der Diagnose wurde Jonas über drei Jahre hinweg immer wieder stationär behandelt. Die für ihn vorgesehene medikamentöse Therapie war kompliziert aufgrund der Nebenwirkungen. Typische Symptome der Schizophrenie wie Stimmenhören und Wahn führten zu Sachbeschädigungen und aggressiven Durchbrüchen. Für Jonas, mittlerweile obdachlos geworden, wurde per Gerichtsbeschluss ein Betreuer bestellt.
Schließlich gelang es, Jonas erfolgreich auf ein antipsychotisch wirkendes Medikament einzustellen. Seine zunächst teilstationär fortgeführte Behandlung mündete in eine Rehabilitation für psychisch Erkrankte. Während der medizinischen Reha im Mannheimer Elisabeth-Lutz-Haus wurde die Medikation optimiert. Zur komplexen Behandlung zählte auch, die Krankheitseinsicht zu fördern, mit Jonas einen strukturierten Tagesablauf zu trainieren und ihm dabei zu helfen, soziale Kompetenzen aufzubauen. In einem Berufsvorbereitungskurs wurden Pünktlichkeit, Konzentration, Durchhaltevermögen und Belastbarkeit gestärkt. Die Mannheimer Starthilfe, ein Projekt des ZI, konnte Jonas ein Praktikum vermitteln. Dort konnte er sich unter realen Bedingungen im Arbeitsleben erproben. Für den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt wurde ihm eine berufliche Rehabilitation angeboten.
Jonas nutzte die Chance. Nach dreijähriger Ausbildung schloss er die überbetriebliche Ausbildung zum Koch im Beruflichen Trainingszentrum Rhein-Neckar erfolgreich ab. Ein neues Zuhause fand er zunächst in einer betreuten Wohngemeinschaft. Nach stabilisierender Behandlung in der Ambulanz der Gemeindepsychiatrie übernahm ein niedergelassener Psychiater seine weitere Versorgung.
Heute benötigt Jonas keine persönliche Assistenz mehr. Er arbeitet in seinem Beruf und lebt in seiner eigenen Wohnung. Nur noch selten bereitet ihm der Alltag Probleme – dann weiß er, dass er beim Sozialpsychiatrischen Dienst des ZI die Hilfe bekommt, die er braucht.
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