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Corona und die Folgen für die Psyche: ein differenzierter Blick ist nötig

Die Annahme, psychische Erkrankungen hätten als Folge des Covid-19-bedingten Lockdowns zugenommen, kann ein Forscherteam am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit nicht bestätigen.

Eine Parkanlage ist im April 2020 durch ein Band abgesperrt. Besucher dürfen den Park nicht betreten.

Während der Zeit des Lockdowns im April 2020 waren auch Parkanlagen für BesucherInnen gesperrt. Eine aktuelle Studie hat das psychische Befinden in dieser Zeit mit der im Jahr 2018 verglichen. Foto: © Animaflora PicsStock – stock.adobe.com

Forscherinnen und Forscher des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) haben in einer Mannheimer Bevölkerungsstichprobe das psychische Befinden während des Lockdowns im April 2020 mit dem im Jahr 2018 verglichen. Beiden Umfragen liegt ein identisches Studiendesign zugrunde. Das ermöglicht einen direkten Vergleich des psychischen Befindens im Hinblick darauf, ob sich der Anteil relevanter psychischer Beeinträchtigungen im Kontext der Lockdown-Maßnahmen verändert hat. 

Keine dramatische Zunahme an psychischen Erkrankungen

Es ergaben sich zwischen 2018 und 2020 keine statistisch signifikanten Unterschiede bezogen auf die psychische Befindlichkeit, die die Forscher nach dem WHO-5-Wohlbefindens-Index gemessen haben. Die Befragten können hier angeben, ob sie in den vergangenen drei Wochen guter Laune waren, sie sich ruhig und entspannt gefühlt und sich als aktiv und an bestimmten Dingen interessiert erlebt haben. Die sechsstufige Bewertungsskala reicht von 0 (zu keinem Zeitpunkt) bis zu fünf (die ganze Zeit). Auch bei der Auswertung des Gesundheitsfragebogens für PatientInnen (PHD-Q), mit denen Depression und Angststörungen sowie der Verdacht auf Essstörungen und Alkoholmissbrauch diagnostiziert werden, konnten die Experten keine statistisch signifikante Zunahme während des Lockdowns feststellen.
Medienberichte, die eine globale und dramatische Zunahme psychischer Erkrankungen durch die Lockdown-Maßnahmen beschreiben, können durch die Untersuchung demnach nicht bestätigt werden. Allerdings zeigt eine differenzierte Analyse der Studienergebnisse, dass ältere Menschen und solche mit höherem Bildungsabschluss sowie Personen, die sich gut über die Covid-19-Pandemie informiert fühlten, ein besseres psychisches Wohlbefinden zeigten. Zudem haben individuelle psychische Risiko- und Resilienzfaktoren große Bedeutung für das psychische Befinden während der Krise. 

Differenzierte Prävention nötig

Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die Notwendigkeit, differenzierter Präventions- und Interventionsstrategien. Neben einem verstärkten Informationsangebot für sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen müssen sich Hilfsangebote gezielt an Personen richten, die unter den Folgen der Covid-19-Pandemie, zum Beispiel durch finanzielle Einbußen oder Schwierigkeiten bei der Kinderbetreuung, besonders leiden und an solche, die in der Krise generell psychisch stärker belastet sind. 
Für die Studie wurden 2000 Fragebögen an Frauen und Männer aus Mannheim im Alter von 18 bis 65 Jahren versandt. Die Studie ist repräsentativ für die Stadt Mannheim. Die Daten sind aber nicht ohne Weiteres auf ganz Deutschland übertragbar.

Die Originalarbeit ist frei zugänglich.

Publikation: Kuehner, Christine; Schultz, Katharina; Gass, Peter; Meyer-Lindenberg, Andreas; Dreßing, Harald: Psychisches Befinden in der Bevölkerung während der COVID-19-Pandemie - Mental Health Status in the Community During the COVID-19-Pandemic, DOI 10.1055/a-1222-9067, epub ahead of print.



Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de