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Gesundheitliche Folgen für Missbrauchsopfer häufig gravierend

Im Zuge der MHG-Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche haben Forscher festgestellt, dass die Betroffenen auch Jahrzehnte später noch mit gravierenden gesundheitlichen Folgen kämpfen.

Gesundheitliche Folgen für Missbrauchsopfer im Kindesalter häufig gravierend

Neben Problemen in Beziehungen, im Sexualleben oder dem beruflichen Werdegang fanden sich in den Kirchenakten bei etlichen Betroffenen von Missbrauch durch Diözesanpriester, Diakone und Ordenspriester auch Hinweise auf Symptome im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung. Foto: Fotolia.com / © DoKuPiX

Die möglichen gesundheitlichen Auswirkungen für zahlreiche Betroffene von Missbrauch sind weitreichender als vielfach angenommen. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher unter Federführung des ZI, die den Missbrauch in der katholischen Kirche im Zuge der sogenannten MHG-Studie untersucht haben. „In der Gruppe der Betroffenen zeigen die Ergebnisse unserer Studie, dass sich vielfältige gesundheitliche und soziale Beeinträchtigungen finden“, sagt Prof. Dr. Harald Dreßing, Leiter Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim und Verbundkoordinator der MHG-Studie. Neben Problemen in Beziehungen, im Sexualleben, dem beruflichen Werdegang und bezüglich der gesellschaftlichen Teilhabe fanden sich in den Kirchenakten bei etlichen Betroffenen auch Hinweise auf Symptome im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie einer depressiven Störung. Die Forscher veröffentlichten die jüngsten Erkenntnisse in der Fachzeitschrift „Deutsches Ärzteblatt“.

Mehrheit der Betroffenen sind Jungen, die 13 Jahre und jünger sind

Die Forscher haben im Zuge der MHG-Studie 38.156 Akten von Klerikern, die zwischen 1946 bis 2014 in den bundesweit 27 Diözesen der katholischen Kirche in Deutschland beschäftigt waren, untersucht. 1.670 Kleriker wurden zwischen 1946 und 2014 als Missbrauchsbeschuldigte innerhalb der katholischen Kirche aktenkundig, so lautete eines der zentralen Ergebnisse, die im September 2018 der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. In den Personalakten der Kirche fanden sich zudem Hinweise auf 3.677 mutmaßliche Betroffene. Die Mehrheit der Betroffenen sind Jungen, die während der ersten Tat höchstens 13 Jahre alt waren.

Vielfältige gesundheitliche und soziale Probleme bei Betroffenen

Zwar waren in den Akten der Kirche nur für knapp ein Drittel der Betroffenen Informationen über gesundheitliche und soziale Folgen notiert. Daraus könne laut Verbundkoordinator Dreßing aber nicht gefolgert werden, dass diese Sachverhalte nicht vorlagen, sondern lediglich, dass keine Informationen darüber verfügbar waren. Die Forscher konnten zeigen, dass in der Gruppe der Betroffenen deutlich häufiger eine Symptomatik im Sinne einer posttraumatischen Belastungsstörung anzunehmen ist, als dies für die Allgemeinbevölkerung der Fall sei. Dies gelte auch für die Symptomatik von depressiven Störungen. Dokumentiert in den Personalakten der Kirche waren zudem bei etlichen Betroffenen Probleme in Beziehungen, im Sexualleben, dem beruflichen Werdegang und bezüglich der gesellschaftlichen Teilhabe. Mindestens 626 Betroffene (17 Prozent) ließen sich aufgrund der Tatfolgen psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandeln. Die Forscher vermuten, dass der tatsächliche Wert höher liegen dürfte, da in den Kirchenakten nicht alles verzeichnet wurde. „Die Ergebnisse sollten bei den derzeit anstehenden Diskussionen um eine angemessene Entschädigung der Betroffenen durch die Katholische Kirche Berücksichtigung finden“, sagt Verbundkoordinator Dreßing. Neben Forschern des ZI gehörten auch Wissenschaftler der Universitäten Heidelberg und Gießen zum Forschungsverbund der MHG-Studie.

 

Veröffentlichung: Dreßing H, Dölling D, Hermann D, Kruse A, Schmitt E, Bannenberg B, Hoell A, Voss E, Salize HJ: Sexual abuse at the hands of Catholic clergy a retrospective cohort study of its extent and health consequences for affected minors (The MHG Study). Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 389 96. DOI: 10.3238/arztebl.2019.0389

 

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