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Psychisch kranke Jugendliche besser versorgt

Ein Modellprojekt für intensive ambulante Betreuung soll Psychiatrieaufenthalte für Heranwachsende von 16 bis 24 Jahren verhindern.

Modellprojekt für intensive ambulante Betreuung

Bei einer hohen Anspannung können Fertigkeiten, sogenannte Skills, helfen, um beispielsweise die Stresstoleranz zu erhöhen. Dies wird in der Therapie eingeübt. Foto: ZI

Rund 14.400 Versicherte der AOK Baden-Württemberg im Alter von 16 bis 24 Jahren leiden unter schweren Störungen der Emotionsregulation wie Borderline-Störungen, ausgeprägte ADHS, Störungen des Sozialverhaltens, posttraumatische Belastungsstörungen oder schwere Essstörungen. In den vergangenen fünf Jahren stieg die Anzahl der Versicherten mit solchen Diagnosen um 34 Prozent. Um die psychiatrische Versorgung zu verbessern und zu vermeiden, dass sich die Krankheitsbilder verschlechtern und chronisch werden, initiiert die AOK Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim und dem BKK Landesverband Süd ein neuartiges Modellvorhaben. „Eine intensive ambulante Betreuung mit festen Ansprechpartnern steht dabei im Vordergrund. Diese soll dazu beitragen, dass weniger Klinikaufenthalte nötig sind und Krisen der jungen Leute rechtzeitig erkannt und behandelt werden“, sagt Nadia Mussa, Leiterin des Fachbereichs Krankenhausversorgung bei der AOK Baden-Württemberg.

Häufig lange Krankenhausaufenthalte

Im Jahr 2017 wurden mehr als 900 Versicherte der AOK Baden-Württemberg im Alter von 16 bis 24 Jahren aufgrund von Störungen der emotionalen Regulation im Krankenhaus behandelt. 42,5 Prozent von ihnen waren länger als sechs Wochen im Krankenhaus. „Häufig sind lange und wiederholte Aufenthalte in der Psychiatrie notwendig, was gerade für junge Menschen sehr belastend ist und einen Bruch in ihrer Biografie bedeutet“, sagt Mussa.

Unterstützung durch Netz an Therapeuten und Ärzten

Etwa 75 Prozent der schweren psychiatrischen Erkrankungen beginnen in der Adoleszenz, das heißt in einem Alter von 16 bis 24 Jahren. Der frühe Beginn dieser Störungen stellt die Betroffenen vor die Herausforderung, die zentralen Aufgaben des Erwachsenwerdens unter deutlich erschwerten Bedingungen zu bewältigen: „Die Entwicklung der eigenen Identität, Werte und Ziele sowie die Anpassung an wechselnde soziale Bedingungen, müssen unter dem Einfluss von psychischen Erkrankungen gestaltet werden. Hierfür benötigen die Betroffenen Unterstützung durch ein Netz an Therapeuten und Ärzten“, sagt Prof. Dr. Martin Bohus, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Psychiatrische und Psychosomatische Psychotherapie am ZI, der für das Modellprojekt und das therapeutische Konzept verantwortlich zeichnet.

Fester Ansprechpartner für Patienten über langen Zeitraum

Vor allem der Übergang von der Kinder- und Jugendpsychiatrie zur Erwachsenenpsychiatrie belaste häufig die Behandlung: „Hier setzt das Modellvorhaben an, indem ein sogenanntes Track-Konzept etabliert wird“, verdeutlicht Bohus. Über einen langen Zeitraum haben die Patientinnen und Patienten feste Ansprechpartner, die ihnen zur Seite stehen. „Dadurch können viele Krisen vermieden, beziehungsweise rechtzeitig erkannt werden, um früh zu intervenieren. Durch diese intensive Begleitung während der gesamten Adoleszenz erreichen wir nachhaltige Behandlungserfolge und vermeiden unnötige Aufenthalte in der Klinik“, sagt Bohus. Katrin Erk, Kaufmännischer Vorstand des ZI, lobt das Engagement der Projektpartner für eine verbesserte Versorgung: „Wir begrüßen es sehr, dass die AOK Baden-Württemberg und der BKK Landesverband Süd mit dem Modellprojekt innovative Behandlungskonzepte des ZI aufgreift und hierfür die vom Gesetzgeber geschaffenen flexiblen Finanzierungsmöglichkeiten nutzen.“ Das Modellprojekt startete im Herbst 2018, hat eine Laufzeit von acht Jahren und wird wissenschaftlich evaluiert.

Fähigkeiten zur besseren Stresstoleranz vermitteln

Der Fokus des Modellprojekts liegt darauf, die ambulante Behandlung zu intensivieren. Hierfür wird ein sogenanntes Track-Konzept auf Basis der „Dialektisch Behavioralen Therapie“ eingeführt: Im Zentrum der Behandlung steht die Vermittlung von spezifischen Fähigkeiten zur Stresstoleranz, Emotionsregulation, Selbstakzeptanz und zwischenmenschlicher Kompetenz. Die Patientinnen und Patienten erhalten ergänzend zur regulären ambulanten Behandlung in der Hochschulambulanz Gruppentherapien und die Möglichkeit, der Behandlung zu Hause (Home treatment) sowie ein erlebnispädagogisch basiertes Programm über einen längeren Zeitraum. Hier werden zum Beispiel wöchentliche Gruppenabende, Wochenendaktivitäten oder gemeinsame Ausfahrten angeboten.

Patient wird kontinuierlich begleitet

Wenn der Patient sich stabilisiert und nach Abschluss der Einzel- und Gruppentherapien in der Hochschulambulanz, wird er weiterhin kontinuierlich begleitet, etwa durch onlinegestützte Kontaktaufnahmen sowie quartalsweise Termine bei Bedarf. Durch diesen langfristig angelegten Behandlungsverlauf und dem damit verbundenen dauerhaften Patientenkontakt können akute Krisen reduziert, beziehungsweise es kann umgehend dem Bedarf entsprechend behandelt werden.

Modellprojekt basiert auf Arbeit am Adoleszentenzentrum des ZI

Das Modellprojekt basiert auf der innovativen therapeutischen Arbeit am Adoleszentenzentrum des ZI in Mannheim. Das Adoleszentenzentrum ist eine gemeinsame Behandlungseinheit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin sowie des Instituts für Psychiatrische und Psychosomatische Psychotherapie. Durch die enge Zusammenarbeit dieser drei Abteilungen finden Patienten hier erstmals in Deutschland ein störungsspezifisches und kontinuierliches Behandlungsangebot über die komplette Phase der Adoleszenz.

 

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Therapieangebote am ZI



Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de