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interview

Herausforderung Pflege

Worauf es bei der Pflege von Menschen mit Demenzerkrankungen ankommt – im Gespräch mit Janine Marcy, einer erfahrenen Pflegefachfrau.

von Claudia Eberhard-Metzger
 


Frau Marcy, wie würden Sie aus Ihrer langjährigen Erfahrung heraus die Pflege von Menschen mit Demenzen beschreiben?

janine marcy:Bei Demenzen, insbesondere bei der Alzheimererkrankung, gibt es sehr unterschiedliche Erkrankungsphasen – von ersten Problemen mit dem Gedächtnis über einen gestörten Tag-Nacht-Rhythmus bis hin zu schwereren Verhaltens- auffälligkeiten wie Rufen, Schreien, ruheloses Umherlaufen, Abwehr und Ablehnung oder Teilnahmslosigkeit. Das macht die Pflege komplex, und es bedarf einer besonderen Zuwendung. Für uns Pflegekräfte gilt es, die Bedürfnisse des einzelnen Patienten zu erkennen und individuell passende Strategien zu entwickeln.

Wie gehen Sie dabei vor?
Eine Methode ist die verstehende Diagnostik. Wir versuchen, Antworten auf die Frage zu finden, warum sich ein Mensch auf eine spezielle Weise verhält, und darauf adäquat zu reagieren. Dazu betrachten wir beispielsweise die Biografie eines Patienten: Was war ihm in seinem Leben wichtig? Wie sieht sein persön-liches Umfeld aus, wie sein soziales Miteinander? Es geht darum, die Perspektive des Menschen mit Demenz einzunehmen. Wenn wir Zugang zu seinem Empfinden finden, können wir seine Bedürfnisse verstehen und adäquate Maßnahmen einleiten.

Haben Sie ein Beispiel?
Betrachten wir einmal einen Patienten mit Demenz, der sehr unruhig ist und ständig wegläuft. Die Biografiearbeit, das genaue Hineinschauen in den Lebensweg einer Patientin oder eines Patienten, kann uns auf ein unbefriedigtes Bedürfnis hinweisen, das nicht kommuniziert werden kann und womöglich die Ursache für sein Verhalten ist. Da muss man herankommen – und ausprobieren, was hilft.

Was kann das sein?
Das kann beispielsweise Musik sein, die einen persönlichen Bezug zum Leben der Person vor der Demenzerkrankung hat und mit positiven Erfahrungen und Emotionen verbunden ist. Auf diese Weise wird ein kleiner Teil der Biografie nacherzählt – und das beruhigt. Um solche Interventionsmöglichkeiten zu finden, müssen wir oft wie Detektive fahnden, man braucht sehr sensible Antennen und viel Erfahrung.

Sie arbeiten bereits seit 18 Jahren am ZI. Was hat sich in der Pflege in dieser Zeit am meisten verändert?
Da fällt mir einiges ein: Die Menschen, die zu uns kommen, sind häufiger multimorbid, sie leiden also an mehreren Erkrankungen gleichzeitig, was die Pflege komplexer macht. Pflegerische Interventionen sind wissenschaftlicher geworden, spezifische Methoden können dadurch besser angewendet werden. Es gibt für uns nicht weniger, sondern immer mehr zu tun – und es gibt viel zu wenig Fachkräfte, die diese Arbeit leisten können.

Gibt es auch Hilfen für die Angehörigen von Menschen mit Demenz?
Den Angehörigen Hilfe anzubieten, ist sehr wichtig. Zusammen mit der Deutschen Alzheimer Gesellschaft organisieren wir beispielsweise unter der Überschrift Hilfe beim Helfen eine Schulungsreihe für Angehörige von Menschen mit Demenz. Vermittelt wird grundlegendes medizinisches Wissen zum Krankheitsbild, wir informieren über rechtliche Fragen, über Entlastungsangebote oder die Leistungen der Pflegeversicherung. Ein Schwerpunkt des Programms ist der Umgang mit und das Verständnis für Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

Was ist Ihre eigene Motivation, in diesem besonderen Bereich der Pflege zu arbeiten?
Für mich ist das Leidenschaft. Meine Patientinnen und Patienten, mein Team, meine Arbeit sind mir enorm wichtig. Und die Arbeit mit älteren Menschen macht Spaß.

Ihr Wunsch für die Zukunft?
Für Pflegefachkräfte gilt, was auch für Seniorinnen und Senioren gilt: Wir haben keine Lobby. Ich wünsche mir eine Wahrnehmung der Pflege in ihrer Komplexität, aber auch in ihrer Vielseitigkeit. Die Pflege ist sehr wichtig für die Patienten, für deren Angehörige und die Gesellschaft. Deshalb wünsche ich mir Anerkennung – besonders für die gerontopsychiatrische Pflege.


Zur Person

Janine Marcy ist Pflegefachfrau für Gerontopsychiatrie und Studentin der Gerontologie. Als Pflegerische Leiterin ist sie am ZI verantwortlich für ein Team von rund 80 Pflegekräften und die Betreuung von rund 200 ambulanten und mehr als 50 voll- oder teilstationären Patientinnen und Patienten.




Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de