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„Sexuelle Gewalt kann ein Leben zerstören“ – Harald Dreßing im Interview

Seit 2025 liegen erstmals repräsentative Daten zum sexuellen Missbrauch an Kindern in Deutschland vor. Prof. Dr. Harald Dreßing ordnet im Interview Ergebnisse, Defizite und Präventionsansätze ein.

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Prof. Dr. Harald Dreßing betont, dass als häufige Folge von Missbrauch eine posttraumatische Belastungsstörung auftreten kann. Foto: © Daniel Lukac / ZI

Trotz zahlreicher Skandale in Institutionen und Kirchen bleibt sexueller Missbrauch an Kindern ein Thema, über das zu selten offen gesprochen wird. Prof. Dr. Harald Dreßing hat 2025 die erste deutschlandweit repräsentative Dunkelfeldstudie zu diesem Thema durchgeführt. Im Interview spricht er über erschütternde Zahlen, strukturelle Defizite und die Frage, wie Prävention wirklich wirken kann.

Herr Prof. Dreßing, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit dem Thema Missbrauch und sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Es gibt ein großes Dunkelfeld. Warum wissen wir eigentlich so wenig über das tatsächliche Ausmaß der Taten?

Dreßing: Betroffene berichten häufig gar nicht oder erst sehr spät über das, was sie erfahren haben. Viele machen sich einerseits Vorwürfe, weil sie – natürlich fälschlicherweise – das Gefühl haben, dass sie selbst schuld am Missbrauch sind. Andererseits existieren Schamgefühle und nach wie vor eine große Sorge, dass ihnen nicht geglaubt wird. Man muss sich vorstellen, jemand hat den Mut, den Missbrauch öffentlich zu machen und am Ende wird ihm oder ihr nicht geglaubt. Das ist das Schlimmste, was Betroffenen passieren kann. 

Sie haben immer wieder für eine deutschlandweit repräsentative Dunkelfeldstudie geworben und sie 2025 schließlich selbst durchgeführt. Was konnte die Studie leisten?

Dreßing: Es ist erstaunlich, dass es für Deutschland bisher keine repräsentativen Zahlen gab, wie häufig Missbrauch an Kindern vorkommt. Es fehlte auch an Wissen zu den Tatkontexten, also zu Fragen wie: Wo geschieht das? Wer sind die Täter? Wie geht es den Betroffenen? Welche Rolle spielen soziale Medien? Auf solche Fragen hat unsere Studie erste Antworten geliefert. Wir haben beispielsweise danach geschaut, ob es spezifische Konstellationen gibt, die das Risiko für Missbrauch erhöhen. 

Was konnten Sie mit der Studie aufzeigen?

Dreßing: Eines unserer Ergebnisse war, dass in sogenannten institutionellen Kontexten, also zum Beispiel in Schulen, Kindergärten oder in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe Jungs häufiger Opfer von sexueller Gewalt sind als Mädchen. Wir kannten dies bereits von den Kirchen, insbesondere der Katholischen Kirche. Aber dass sich das in Schulen und Sportvereinen genauso zeigt, ist eine wichtige Erkenntnis. Dieses Wissen kann gezielt für Präventionsprogramme genutzt werden. Denn wir wollen ja nicht nur Daten erheben, sondern es geht darum, Kinder in Zukunft besser zu schützen und Missbrauch zu verhindern.  

12,7 Prozent der Befragten berichteten in der Studie von sexualisierter Gewalt im Kindes- oder Jugendalter. Was sagt uns das über das Ausmaß des Problems?

Dreßing: Unsere Studie basiert auf einer repräsentativen Stichprobe mit Daten des Einwohnermeldeamts. Das heißt, wir können diese 12,7 Prozent schon recht belastbar auf die Gesamtbevölkerung der 18- bis 59-Jährigen hochrechnen. Das bedeutet: 5,7 Millionen Menschen in Deutschland haben in Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt erfahren. Das ist eine erschreckende Zahl, und was noch erschreckender ist: Wir sprechen hier nicht von Taten, die sehr lange zurückliegen, sondern etwa die Hälfte der Taten haben sich nach dem Jahr 2000 ereignet. 

Hat Sie das überrascht?

Dreßing: Ja, das hat mich schon überrascht. Insbesondere die Tatsache, dass der Missbrauch in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen so häufig ist. Wir haben ja mittlerweile Präventionsprogramme und da hätte ich erwartet, dass das Ausmaß geringer ist. Wir können natürlich mit unserer Querschnittstudie nichts über den zeitlichen Verlauf sagen. Dazu brauchen wir in Zukunft dringend weitere Erhebungen mit derselben Methode, etwa alle drei Jahre. Das von uns angewandte Studiendesign ist in der epidemiologischen Forschung der Goldstandard für solche Fragestellungen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Präventionsarbeit?   

Dreßing: Prävention ist ungeheuer wichtig. Sie wird aber häufig nach dem Gießkannenprinzip gemacht: für alle das Gleiche. Das kostet viel Geld und kann nicht so wirksam sein wie ein spezifischer Ansatz auf der Grundlage von wissenschaftlich erhobenen Daten. Es ist wichtig, die Tatkontexte zu kennen. Um erfolgreich Prävention machen zu können, muss ich wissen, was die spezifischen Risikofaktoren in einer Institution sind. Außerdem sollte die Wirksamkeit der Maßnahmen wissenschaftlich überprüft werden. In der Medizin würde kein Medikament zugelassen, dessen Wirksamkeit nicht belegt ist. In der Präventionsarbeit läuft es dagegen nach dem Motto „Irgendwie wird es schon gut sein“. Aber ob Prävention tatsächlich wirkt, dazu gibt es wenige wissenschaftliche Studien.  

Die Familie spielt als Tatort eine wichtige Rolle …  

Dreßing: Ja, am häufigsten kommt Missbrauch in der Familie und im Freundeskreis vor. Das heißt, der Täter ist nicht der Unbekannte, der irgendwo hinter einem Busch einem Kind auflauert, sondern es sind Menschen, zu denen die Kinder ein enges Vertrauensverhältnis haben – Väter, Mütter, Onkel, Tanten, Großeltern, enge Freunde der Familie. 

Wie kann hier Prävention gelingen? 

Dreßing: In aller Regel sind Familien nicht so abgeschottet, dass es nicht Bekannte oder Freunde gibt, denen vielleicht etwas auffällt. Ich glaube, wir müssen die Sensibilität für das Thema erhöhen. Wir müssen Menschen ermutigen, Missbrauch zur Anzeige zu bringen, auch wenn er im Familien- oder Freundeskreis vorkommt. Da gibt es natürlich große Hemmungen, weil man niemanden zu Unrecht verdächtigen möchte.  

Sehen Sie die Verantwortung eher bei den Institutionen oder beim familiären Umfeld, das sensibilisiert sein sollte?

Dreßing: Bei beiden. Eigentlich geht Prävention schon in der Kindertagesstätte los. Ich finde, Eltern sollten sich nicht nur nach der Qualität des Essens, sondern auch nach dem Schutzkonzept der Einrichtung erkundigen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Eltern dieses Thema ansprechen. Jede Kindertagesstätte sollte so ein Schutzkonzept haben. Meistens liegt das aber irgendwo in der Schublade und interessiert keinen.

Viele trauen sich nicht, solche Dinge anzusprechen?

Dreßing: Wenn Eltern nachfragen, kommt häufig die Antwort: Misstrauen Sie uns? Aber das Gegenteil ist der Fall: Wir haben kein Misstrauen. Wir bringen unser Kind vertrauensvoll in die Einrichtung, aber wir wollen, dass das Thema präsent ist, und wir wollen auch wissen, welche Fortbildungen gemacht werden, wie das Thema im Team besprochen wird. Eltern haben eine gewisse Macht und auch Verantwortung, das zu thematisieren. Ich glaube, es ist bei vielen noch nicht im Bewusstsein angekommen.

In der Studie berichtete ein Drittel der Betroffenen von sexualisierter Gewalterfahrung über digitale Kanäle. Welche Taten sind damit gemeint? 

Dreßing: Das ist sehr vielfältig. Kinder oder Jugendliche erhalten beispielsweise nicht erbetenes pornografisches Material oder sie werden in Gespräche mit sexuellen Inhalten verwickelt. Dabei geht es unter anderem darum, dass sie aufgefordert werden, Nacktbilder von sich zu versenden, mit denen sie dann wiederum erpresst werden. In der Dunkelfeldstudie haben etwa 30 Prozent der antwortenden Personen angegeben, dass sie über das Internet beziehungsweise über soziale Medien solche sexuellen Grenzüberschreitungen erfahren haben. Das ist deutlich mehr, als bei der Polizei angezeigt wird. Also auch da haben wir ein großes Dunkelfeld. 

Kommt es nach digitalen Kontakten auch zu realen Übergriffen?

Dreßing: Digitale Kanäle werden definitiv zur Anbahnung von Treffen und realen Taten genutzt. Wir wissen aus der Studie, dass etwa 60 Prozent derjenigen, die solche Grenzverletzungen im Internet oder den sozialen Medien erlebt haben, auch über sexuelle Gewalterfahrungen in der realen Welt berichten. Die digitalen Kanäle sind ein weiteres, leicht zugängliches Einfallstor für Täter. Hier sollten wir Kinder und Jugendliche stärker sensibilisieren – für den Umgang mit persönlichen Daten, insbesondere mit Bildern in den sozialen Medien. Kinder sollten lernen, verantwortungsvoll mit dem Smartphone umzugehen. 

Über ein Drittel der Betroffenen gibt an, noch nie über das Erlebte gesprochen zu haben. Was müsste sich ändern, damit sich Betroffene schneller Hilfe suchen?

Dreßing: Zunächst muss das Wissen um Hilfsangebote verbessert werden. In der Dunkelfeldstudie haben 50 Prozent angegeben, dass sie nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen, wenn ein Verdacht besteht oder sie selbst betroffen sind. Das ist ein sehr hoher Anteil. Es gibt große Aufklärungskampagnen von der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, aber die Wirksamkeit dieser vermutlich recht teuren Maßnahme ist offensichtlich sehr begrenzt. Ich glaube, wir müssen auch die Tabuisierung aufbrechen, sodass es normal wird, dass Eltern mit Kindern offen darüber sprechen. Es wäre auch hilfreich, wenn Prominente, denen Missbrauch widerfahren ist, darüber öffentlich sprechen. Sie können Rollenvorbilder für andere Betroffene sein. 

Was sind die Langzeitfolgen von Missbrauch? 

Dreßing: Wir haben in der Studie gezeigt, dass es von sexueller Gewalt betroffenen Kindern psychisch schlechter geht als Nicht-Betroffenen. Eine häufige Folge von Missbrauch ist die posttraumatische Belastungsstörung. Menschen erleben das Trauma immer wieder. Sie entwickeln Misstrauen in sozialen Beziehungen, vermeiden bestimmte Situationen und haben Albträume und Schlafstörungen. Das kann so weit gehen, dass eine schulische oder berufliche Ausbildung nicht möglich ist und dass die Betroffenen dauerhaft auf Sozialleistungen angewiesen sind. Unsere Studie hat auch gezeigt, dass Betroffene signifikant häufiger auf Renten und Sozialhilfeleistungen angewiesen sind. 

Ärzte und Therapeuten sind wichtige Anlaufstellen für Betroffene. Wie ist das Versorgungssystem aktuell aufgestellt

Dreßing: Da hat sich vieles zum Positiven gewendet. Es gibt flächendeckend Trauma-Ambulanzen. Psychiater und Psychotherapeuten sind bei dem Thema sicherlich gut aufgestellt. Ausbaufähig ist das Wissen bei Hausärztinnen und -ärzten. Sie sind als erste Anlaufstelle enorm wichtig, weil sie die Zuweisung zu den Spezialisten machen. 

Wo sehen Sie aktuell den größten Handlungsbedarf: in der Prävention, der Strafverfolgung oder der Versorgung der Betroffenen?

Dreßing: In allen drei Bereichen gleichermaßen. Wir brauchen kontinuierliche Forschung, die zeigt, wie sich das Dunkelfeld entwickelt und ob wir wirklich einen Rückgang von Missbrauch feststellen. Dann benötigen wir vermehrt Untersuchungen in einzelnen Institutionen, nicht nur in den Kirchen, sondern auch in Vereinen und Kindergärten, vergleichbar mit der MHG- oder der ForuM-Studie. Da gibt es bisher wenig und das liegt auch an den staatlichen Bedingungen. Der Staat ist bei dem Thema erstaunlich träge. Wir bräuchten entsprechende Gesetze, die es den Forschenden erlauben, in die Personalarchive zu gehen und dort Untersuchungen durchzuführen. Bisher bewegen wir uns auf rechtlich sehr unsicherem Terrain und ich sehe seitens der Gesetzgebung keine Initiativen, das zu verbessern. Und dann bräuchten wir Präventionsprogramme, die auf die jeweilige Einrichtung zugeschnitten sind und die wir dann auch wissenschaftlich evaluieren. Und zuletzt brauchen wir vermehrt Sensibilisierung und Aufklärung. Wir müssen in allen Bereichen tätig sein. 

Wie sieht es mit der Strafverfolgung aus?

Dreßing: Das ist leider ein Trauerspiel. Unsere Studie hat gezeigt, dass nur sieben Prozent der Betroffenen eine Anzeige erstattet und damit ein Strafverfahren eingeleitet haben. Da müssen die Barrieren abgeschafft und die Angst genommen werden. Betroffene fordern immer wieder, dass die Verjährung für sexuellen Missbrauch aufgehoben wird. Mord verjährt ja zum Beispiel nicht. Ein sexueller Missbrauch ist eigentlich ein Seelen-Mord, verjährt aber. Da wäre seitens des Gesetzgebers möglicherweise Handlungsspielraum gegeben. Und auch die Entschädigung der Betroffenen ist sicherlich verbesserungsbedürftig.

Sie haben die zentralen wissenschaftlichen Studien in der Katholischen Kirche (MHG-Studie) und in der Evangelischen Kirche (ForuM-Studie) koordiniert beziehungsweise begleitet. Wie schauen Sie heute darauf? Was ist gelungen, was nicht?

Dreßing: Ich glaube, wir haben es mit der MHG-Studie geschafft, das Thema zu setzen, sodass die Katholische Kirche es nicht mehr ignorieren kann. Sie muss sich damit auseinandersetzen. MHG ist in der internationalen Literatur als Meilenstein und Vorbild zitiert worden. Wie sich die Kirche in der Folge damit auseinandersetzt, finde ich allerdings ernüchternd. 

Und bei der ForuM-Studie? Würden Sie aus heutiger Sicht etwas anders machen?

Dreßing: Bei ForuM haben wir versucht, die erfolgreiche Vorgehensweise der MHG-Studie zu adaptieren. Aber wir haben am Ende nicht die Daten erhalten, die wir gebraucht hätten. Die Begründung der Evangelischen Kirche, sie hätte nicht gewusst, wie viel Arbeit auf sie zukommt, ist für mich nicht plausibel. Man muss festhalten, dass die Evangelische Kirche uns letztlich nicht das geliefert hat, wozu sie sich vertraglich verpflichtet hatte. Das ist ja auch ein Ergebnis und zwar ein Ergebnis, das nach meiner Einschätzung zeigt, dass eine Institution nicht bereit ist, sich entgegen offizieller Verlautbarungen mit dem Thema tiefergehend auseinanderzusetzen. Also da muss ich die Katholische Kirche eher loben, die uns deutlich bessere Daten geliefert hat.

Wo stehen die Kirchen heute beim Thema Missbrauch?

Dreßing: Leider nicht da, wo sie stehen könnten. Es gab im Jahr 2018 nach der Präsentation der Ergebnisse der MHG-Studie ein kurzes Zeitfenster. Wenn da klug und entschlossen reagiert worden wäre, hätte man vielleicht Glaubwürdigkeit wiedergewinnen können. Rückblickend muss man sagen, dass damals eigentlich nur Lippenbekenntnisse zu hören waren. Die Art und Weise, wie sich die Katholische Kirche damit auseinandersetzt, schadet ihr meines Erachtens. Mit jedem neuen Gutachten wird Glaubwürdigkeit verspielt. Ich kann es fast nicht mehr hören, wenn ein katholischer Bischof wiederholt sagt: „Wir haben gelernt, wir müssen die Opfer hören.“ Das ist doch seit mehr als einem Jahrzehnt bekannt. Wir brauchen endlich konkrete Maßnahmen, damit Kinder im kirchlichen Bereich sicherer sind. Aber an der Kinderbeichte will man zum Beispiel nicht rütteln, obwohl wir in der MHG-Studie gezeigt haben, dass das ein Ort ist, wo Missbrauch angebahnt und teilweise auch begangen wurde.

Gehen die Kirchen angemessen mit Betroffenen um?

Dreßing: Es existieren auch bei den Betroffenen unterschiedliche Interessengruppen. Ich habe durchaus Kontakt mit Betroffenen, einmal im wissenschaftlichen Bereich und zum anderen in meiner Tätigkeit als Gutachter vor Gericht. Da klagen viele, dass sie den Umgang als nicht adäquat empfunden haben, teilweise als erneut demütigend. Manche sprechen sogar von einer weiteren Traumatisierung. Ich habe einige Männer begutachtet, die im Kontext der Katholischen Kirche schwere sexuelle Gewalt erlebt haben, und die haben mir wortwörtlich gesagt: „Das, was mir dann passiert ist, als ich versucht habe, eine Entschädigung oder eine Anerkennungsleistung zu erhalten, war fast schlimmer als der Missbrauch selbst.“ Deshalb war damals unser Rat an die Katholische Kirche, die Entscheidung über Anerkennungsleistungen in unabhängige Hände zu geben. Die Kirche will aber die Kontrolle behalten. So lange sie nicht bereit ist, die Kontrolle aufzugeben, so lange kann Aufarbeitung nicht funktionieren, die auch von Betroffenen akzeptiert wird.

Bekommen Sie eigentlich Reaktionen von Betroffenen auf Ihre Forschung?

Dreßing: Bei unserer repräsentativen Dunkelfeldstudie gab es in den Fragebögen einige explizite Rückmeldungen. Die Teilnehmenden haben sich bedankt, dass wir diese Studie machen und waren froh, in anonymisierter Form darüber sprechen zu können. Solche Rückmeldungen bestärken uns natürlich in unserer Arbeit.  

Was würden Sie sich mit Blick auf die nächsten zehn Jahre wünschen? 

Dreßing: Wichtig ist, dass die Forschungsergebnisse in der Praxis ankommen und dazu führen, dass Kinder, wenn wir sie zum Beispiel in einen Kindergarten geben, in sicheren Händen sind. Wenn ein Kind sexuelle Gewalt erfährt, ist das ein schweres Trauma. Das kann ein Leben zerstören. Deswegen befasse ich mich so intensiv mit dem Thema. Ich möchte als Wissenschaftler, aber auch als Vater und Großvater einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass unsere Kinder in einer sichereren Welt großwerden. 



Zur Person

Harald Dreßing arbeitet seit 1988 am ZI. Als Oberarzt leitete er verschiedene offene und beschützende Stationen sowie das Schlaflabor, bevor er 1993 den Bereich Forensische Psychiatrie übernahm. Er hat seitdem bundesweit mehr als 3.000 Gutachten für Gerichte verfasst. Dreßing koordinierte die MHG-Studie zum Missbrauch in der Katholischen Kirche und war auch bei der ForuM-Studie zum Missbrauch in der Evangelischen Kirche beteiligt.

Die Studie

Die nationale Dunkelfeldstudie nimmt zum ersten Mal auch den Kontext und die Folgen sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Deutschland in den Blick. In Zusammenarbeit mit infratest-dimap wurde eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe von Personen zwischen 18 und 59 Jahren in Deutschland schriftlich postalisch sowie online befragt. Von 10.000 angeschriebenen Personen konnten 3.012 Personen in die Analyse einbezogen werden, was einer Rücklaufquote von 30,2 Prozent entspricht. 12,7 Prozent der Befragten berichteten von sexualisierter Gewalt. 20,6 Prozent aller befragten Frauen waren betroffen. Bei Männern lag die Rate bei 4,8 Prozent. 



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