Verletzliche Zeiten
Mehr als jeder fünfte Heranwachsende leidet an psychischen Problemen. In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am ZI finden Betroffene Hilfe.
von Susanne Paulsen
Kindheit und Jugend sind nicht immer nur schön. Es sind auch sehr verletzliche Zeiten. Das zeigt sich vor allem bei psychischen Problemen. Eine aktuelle Untersuchung hierzu hat alarmierende Zahlen ermittelt: 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden unter Ängsten und depressiven Verstimmungen, haben Probleme mit der Aufmerksamkeit oder sind in anderer Art psychisch auffällig. Einige von ihnen benötigen intensive Unterstützung und müssen ambulant, teilstationär oder stationär behandelt werden. In Mannheim und Umgebung ist dafür die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, kurz KJP, des ZI zuständig.
Die vier Stationen der Klinik – eine mit integrierter Tagesklinik für Jugendliche – befinden sich im Therapiegebäude im Mannheimer Quadrat J 5. Eine Tagesklinik für Kinder bis 12 Jahren wird im benachbarten Quadrat K 3 betrieben. Kürzlich hinzugekommen sind fünf Plätze mit einem Angebot für die tägliche Betreuung von Kindern in ihrem gewohnten Umfeld zu Hause. Jugendliche ab 16 Jahren mit Borderline-, Traumafolge- oder psychotischen Störungen können auch in den interdisziplinär geführten Adoleszentenzentren aufgenommen werden. Die KJP-Ambulanz befindet sich aktuell im Quadrat E 3. „Wir behandeln das gesamte Spektrum psychischer Störungen und Verhaltensauffälligkeiten“, erklärt Oberärztin Dr. Sandra Gerstner. „Meist bieten wir längerfristige Therapien an. Wir helfen aber auch in akuten Krisen.“
Großes Spektrum
Bereits Kindergarten- oder Grundschulkinder werden in die Klinik aufgenommen. Schwierigkeiten treten zu dieser Zeit oft auf, weil sich die Jungen und Mädchen erstmals in Strukturen außerhalb der Familie einfinden müssen. Wenn der Übergang Probleme bereitet, leiden die Kinder. Schulschwierigkeiten im Zusammenhang mit psychischen Störungen, etwa ein dauerhaftes oder häufiges Fernbleiben von der Schule, sind einer der wichtigsten Gründe für eine stationäre Aufnahme.
Häufig zeigt sich in dieser Lebensphase auch ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Ihr liegen komplexe Veränderungen im Gehirn zugrunde, die zu Konzentrationsschwäche, impulsiven Verhaltensweisen und Unruhe führen. Auch ein gestörtes Sozialverhalten wird jetzt offensichtlich. Betroffene Mädchen und Jungen können aggressive Impulse nicht angemessen kontrollieren, eventuell verschärfen familiäre oder soziale Probleme ihre schwierige Situation. Ebenso kümmert sich das Team der Klinik um Kinder mit Ängsten, Depressionen, Zwangs- und posttraumatischen Belastungsstörungen, sozialen Schwierigkeiten aufgrund von Autismus oder leichter Intelligenzminderung. Hinzu kommen zahlreiche andere Störungsbilder.
Ab der frühen Pubertät können weitere Probleme auftreten, etwa Essstörungen wie Magersucht und Suchterkrankungen. Auch Störungen der Emotionsregulation und psychotische Störungen – vor allem im Zusammenhang mit Drogenkonsum –beobachtet man häufig erstmals im Jugendalter.
So unterschiedlich und komplex die psychischen Auffälligkeiten des Kindes- und Jugendalters auch sind, eins ist ihnen gemeinsam: Es muss rasch gehandelt werden. „Wichtig ist, dass schnell eine fachliche Beratung und bei Bedarf eine Therapie erfolgt, sei es ambulant oder stationär“, betont Sandra Gerstner. Rechtzeitiges Handeln kann lebensentscheidend sein. Das zeigen die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien: Drei von vier psychischen Erkrankungen des Erwachsenenalters beginnen bereits vor dem 18. Lebensjahr. Warten Familien zu lange oder findet sich kein schneller Zugang zu einer passenden Versorgung, können sich die Symptome der betroffenen jungen Menschen verschlimmern und weitere Schwierigkeiten nach sich ziehen. Fachliche Unterstützung zum richtigen Zeitpunkt kann Kinder und Jugendliche in ihrem sozialen System stärken, Probleme werden abgemildert oder treten gar nicht erst auf. Bestenfalls verschwindet die Störung. „Wir stellen Weichen“, sagt Sandra Gerstner.
Das ist eine große Aufgabe. Denn psychische Störungen lassen sich nicht standardisiert behandeln – schon gar nicht bei Kindern und Jugendlichen. Erforderlich sei eine „sehr individuelle Herangehensweise, ein Herantasten an das, was hilft“, unterstreicht Gerstner.
„PSYCHISCHE STÖRUNGEN LASSEN SICH NICHT STANDARDISIERT BEHANDELN – SCHON GAR NICHT BEI KINDERN UND JUGENDLICHEN.“

Dr. Sandra Gerstner
Oberärztliche Leitung der Tagesklinik für Kinder
Individuelle Hilfsangebote
„Kein Patient ist wie der andere“, bestätigt Michael Baum, Teamleiter im Pflege- und Erziehungsdienst. Jeder Neuankömmling erhalte deshalb sein persönliches Wochenprogramm mit psychotherapeutischen Einzel- und Gruppenstunden, Ergo- und Physiotherapie, Sport- und Freizeitangeboten. Auch der Schulunterricht ist essenziell für die Therapie. Mit all diesen Elementen soll ein heilsames Umfeld geschaffen werden, in dem Kinder und Jugendliche neue Fähigkeiten und Sichtweisen erlernen können. „Unser Augenmerk liegt immer auf dem Gesamtsystem“, fügt Sandra Gerstner hinzu.
Für Eltern und Betreuungspersonen bedeutet das oft ein Umdenken. Manche Eltern fühlen sich beispielsweise anfangs nicht in der Lage, positive Beobachtungen aus dem Familienalltag aufzuschreiben und ihrem Kind mit in die Kindertagesklinik zu geben – sie sind zu verzweifelt oder aufgrund eigener Probleme nicht dazu in der Lage. Solche Eltern können im Verlauf der Therapie lernen, dass auch so einfache Maßnahmen wie Zettel mit kurzen positiven Botschaften das Miteinander verbessern.
Therapeutinnen und Therapeuten der Klinik unterstützen sie dabei, erfreuliche Verhaltensweisen ihres Kindes wahrzunehmen: ein Lächeln, die Konzentration beim Basteln, das friedliche Spiel mit den Geschwistern. Dann wandern meist doch Lobeszettel hin und her – von den Eltern in die Klinik und vom Tagesklinikteam zum Kind nach Hause. „Man kann junge Menschen nur dann sinnvoll unterstützen, erziehen oder behandeln, wenn man eine gute Beziehung zu ihnen herstellt“, betont Gerstner.

Größere Entscheidungssicherheit
Ob Medikamente für eine erfolgreiche Behandlung empfehlenswert oder erforderlich sind, beurteilen die Fachleute ebenfalls individuell. Die Wissenschaft hat ihnen hier in den letzten Jahren zu mehr Entscheidungssicherheit verholfen. Das zeigt sich am Beispiel ADHS. „Kinder und Jugendliche mit ausgeprägten Symptomen profitieren sehr von dem Wirkstoff Methylphenidat”, fasst Prof. Dr. Dr. Tobias Banaschewski den aktuellen Forschungsstand zusammen. „Methylphenidat verbessert die Konzentrationsfähigkeit und verringert die Impulsivität – mit Verhaltenstherapie allein lässt sich dieser Effekt bei schwerer Ausprägung der Symptomatik nicht erreichen.“ Tobias Banaschewski, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Stellvertretender Direktor des ZI, hat zahlreiche internationale Studien zum Thema ADHS initiiert oder war an ihnen beteiligt. Eine dieser Untersuchungen kam kürzlich zu dem wichtigen Ergebnis: Methylphenidat ist auch bei längerer Einnahme sicher, es verursacht keine oder nur geringfügige Nebenwirkungen.
Familien falle es manchmal schwer, der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten zuzustimmen, weiß Sandra Gerstner aus dem Klinikalltag: „Auch wenn Eltern wissen, dass wir Medikamente nur nach sorgfältiger Abwägung empfehlen.“ Sie erinnert sich an einen Vater, der eine medikamentöse ADHS-Therapie für seinen Sohn radikal ablehnte, obwohl sein Kind sich anstrengte und sich vergeblich mühte, dem Schulunterricht zu folgen. Kind und Mutter indes hatten der Behandlung zugestimmt. Erst eine Videoaufnahme aus der Klinikschule ließ diesen Vater dem Vorhaben der Ärzte zustimmen, den Behandlungsplan durch das Medikament zu ergänzen.
„WIR WOLLEN DIE HANDLUNGS- UND REGULATIONSFÄHIGKEIT DER KINDER UND JUGENDLICHEN VERBESSERN.“

Prof. Dr. Dr. Tobias Banaschewski
Ärztlicher Direktor der kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik und
Stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit
Weder bei der Gabe von Medikamenten noch in der Psychotherapie gehe es darum, Abweichungen von einer Norm zu korrigieren, betont Klinikchef Banaschewski: „Unser Ziel ist es, die Handlungs- und Regulationsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen zu verbessern.“ Der Aufenthalt in der Klinik soll sie dazu befähigen, eigene Ziele zu verfolgen, beispielsweise die Schule erfolgreich abzuschließen oder einen Freundeskreis aufzubauen.
Ein Blick in die Zukunft
Neue Methoden zu erarbeiten, mit denen die psychische Gesundheit junger Menschen gestärkt werden kann, ist ein weiterer Schwerpunkt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ZI treiben die kinder- und jugendpsychiatrische Forschung voran, meist in enger Zusammenarbeit mit anderen wichtigen Forschungsstätten in Deutschland und Europa. Das Spektrum der Forschungsthemen ist breit. Das Erproben neuer Behandlungskonzepte für Kinder mit autistischen Störungen zählt dazu, das Anpassen der ADHS-Therapien an individuelle Bedürfnisse oder die Vorhersage, von welchen Maßnahmen psychisch erkrankte junge Geflüchtete am meisten profitieren.
Eine zunehmend wichtige Rolle in der kinder- und jugendpsychiatrischen Forschung spielen sogenannte Kohortenstudien. Dafür werden Gruppen (Kohorten) von Menschen mehrere Jahre lang, manchmal sogar über Jahrzehnte, immer wieder befragt und untersucht. Das ZI ist unter anderem an einer europäischen Kohortenstudie namens IMAGEN beteiligt – eine wegweisende Studie, Vorbild für mehrere ähnliche Untersuchungen: Forschende erheben umfangreiche Daten von jungen Menschen und ihren Eltern – jeweils wenn die Kinder 14, 16, 19 und 22 Jahre alt sind. Die Jugendlichen werden befragt, es erfolgen Untersuchungen des Gehirns mit bildgebenden Verfahren und Erbgutanalysen. Auf diese Weise hoffen die Forschenden mehr darüber zu erfahren, wie Suchterkrankungen entstehen, wie man ihnen vorbeugen und wie man sie wirksamer behandeln kann.
Eine weitere international beachtete Kohortenstudie des ZI trägt den Titel MARS, die Abkürzung für die bereits vor über 30 Jahren gestartete Mannheimer Risikokinderstudie. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ZI begleiten 300 Menschen von deren Geburt an. Sie wollen feststellen, was Kinder anfällig macht für psychische Störungen – und was sie davor bewahren kann.
Die Forschenden konnten zum Beispiel zeigen, dass familiäre Probleme und traumatische Ereignisse in frühen Jahren das Gehirn dauerhaft verändern, etwa in Hirnregionen, die Angst regulieren.
In Zukunft, hoffen die Forschenden, könnten Hirnscans und andere körperliche Untersuchungen vielleicht zusätzliche Hinweise liefern, die die Frage beantworten lassen, ob ein Kind oder ein Jugendlicher Gefahr läuft, aufgrund einer frühen Belastung ein psychisches Problem zu entwickeln. Dann ließe sich rechtzeitig gegensteuern – ein stationärer Aufenthalt der Kinder und Jugendlichen in der psychiatrischen Klinik würde sich womöglich erübrigen.

Fotos: © Daniel Lukac
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de