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25 Jahre Suchtforschung am ZI

Warum Menschen die Kontrolle über den Alkoholkonsum verlieren … und wie sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen können

Nico nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Wasserflasche und steuert auf die blaue Sitzgruppe zu. Dort sitzt Claudia, sie prostet dem jungen Mann mit ihrer Trinkflasche zu: „Auf dein Wohl“, sagt sie scherzhaft. Neben ihr hebt Markus, ein Mitsechziger, seine wassergefüllte Edelstahlflasche in die Höhe und ruft aufmunternd: „Wir schaffen das!“

von Martina Müller-Keitel


Das ist ein Beispiel für eine Szene, wie sie sich im Suchtzentrum des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim abspielen könnte: Alkoholabhängige Patientinnen und Patienten nehmen an einem sogenannten qualifizierten Entzugsprogramm teil. So unterschiedlich die Lebensumstände von Nico, Claudia und Markus auch sein mögen – drei Dinge haben sie gemeinsam. Sie teilen die Diagnose „psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“, sie wollen ihr Leben wieder in den Griff bekommen, und sie gehören zu den 13 Prozent alkoholabhängiger Menschen, die hierzulande den Weg in eine spezielle Suchtbehandlung finden.   

Im Hochkonsumland Deutschland sind 4,5 Prozent der Männer und 1,7 Prozent der Frauen alkoholabhängig; das entspricht rund 1,6 Millionen Menschen. Rund neun Millionen Erwachsene riskieren aufgrund ihres problematischen Alkoholkonsums ernsthafte Gesundheitsprobleme. Die Herausforderungen, die aus der Sucht für den einzelnen Menschen, sein Umfeld und die Gesellschaft erwachsen, bedürfen des gesicherten Wissens über die komplexe Biologie der Sucht. Nur wenn genau bekannt ist, wie Alkoholabhängigkeit entsteht und wie sie sich aufrechterhält, lassen sich Strategien erarbeiten, um die Sucht zu behandeln und Rückfällen vorzubeugen.

25 Jahre Suchtforschung 

Für eine Suchtmedizin, die sich konsequent nach den Erkenntnissen der Wissenschaft ausrichtet, haben Forscherinnen und Forscher des ZI in den letzten 25 Jahren verlässliche Daten bereitgestellt. Heute zählt das ZI zu den europaweit leistungsfähigsten Suchtforschungs- und Suchtversorgungszentren. Die Weichen dazu hat der ehemalige Institutsdirektor Prof. Dr. Dr. Fritz Henn gestellt. Er etablierte im ZI bereits in den 1990er-Jahren eine eng mit der Grund-lagenforschung verzahnte Versorgungsforschung mit dem Ziel, Erkenntnisse der Wissenschaft möglichst schnell Patientinnen und Patienten zugutekommen zu lassen. Heute spricht man von translationaler Forschung. Als erster Inhaber eines Lehrstuhls für Suchtmedizin in Deutschland übernahm der Psychiater Prof. Dr. Karl Mann die klinische Forschung und Versorgung; ihm folgte im Jahr 2016 Prof. Dr. Falk Kiefer nach. Die Grundlagenforschung ergänzt seit dem Jahr 2000 der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Rainer Spanagel.  

Mit der Frage, wie sich Forschungsergebnisse zügig in die klinische Praxis überführen lassen, beschäftigt sich Falk Kiefer schon sehr lange. Der Experte für die neurobiologischen und psychosozialen Aspekte der Suchtentstehung und des Rückfallverhaltens setzt mit seinen vielseitigen Forschungsaktivitäten gemeinsam mit Rainer Spanagel und weiteren ZI-Kolleginnen und -Kollegen seit Jahren wichtige Impulse in der internationalen Suchtforschung. Das Spektrum der Arbeiten reicht von der Analyse neurobiologischer Risikofaktoren inklusive der Rolle des Belohnungsgedächtnisses und genetischer Aspekte über die Entwicklung spezifischer psychotherapeutischer Interventionen bis hin zur klinischen Prüfung und Implementierung evidenzbasierter Behandlungsleitlinien.
 

Was bei der Sucht im Gehirn passiert 

Suchtmittel wie Alkohol manipulieren unser Lernen. Sie sorgen dafür, dass unser Gedächtnis alles, was mit dem Konsum in Verbindung steht, als positiv und gewinnbringend abspeichert. Einen großen Anteil daran hat der Nervenbotenstoff Dopamin: Er wird beim Alkoholtrinken vermehrt freigesetzt und ruft im Belohnungssystem des Gehirns positive Empfindungen hervor. Im Stadium der Abhängigkeit reichen schon schwache Reize – etwa das Geräusch beim Öffnen einer Flasche – , um Dopamin freizusetzen und das Belohnungssystem zu befeuern.  

Wer regelmäßig Alkohol trinkt, erlebt, dass sich seine Wahrnehmung und Aufmerksamkeit zunehmend einschränken. Immer stärker werden Gelegenheiten zum Trinken in den Alltag integriert. Der Tunnelblick des zwanghaften Alkoholkonsums lässt die Betroffenen nicht mehr erkennen, dass es auch positive Empfindungen und Handlungsmöglichkeiten jenseits des Trinkens gibt. Im fortgeschrittenen Stadium der Sucht lässt unter dem Einfluss des nun vermehrt freigesetzten Nervenbotenstoffs Glutamat die Verhaltenskontrolle nach. All diese Prozesse, das zeigen hochauflösende bildgebende Verfahren, gehen mit Veränderungen an den Synapsen, den Verbindungen zwischen Nervenzellen, sowie der Schädigung von Gehirnstrukturen einher.

Gelungener Brückenschlag

Um die suchtmedizinische Versorgungsforschung noch stärker zu optimieren, gründete das ZI im Jahr 2017 gemeinsam mit dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden das Feuerlein Centrum für Translationale Suchtmedizin, ein Forschungs- und Behandlungsort mit Modellcharakter. Prof. Dr. Anne Koopmann, Oberärztin im ZI-Suchtzentrum und Leiterin der Arbeitsgruppe Versorgungsforschung, erläutert den Anspruch des Feuerlein Centrums: „Dank der Kooperation kann das ZI im Sinne des Namensgebers Wilhelm Feuerlein an bedarfsorientierten, evidenzbasierten und nicht stigmatisierenden Behandlungsmöglichkeiten von Suchterkrankten aktiv mitwirken.“ Im nunmehr siebten Jahr erfolgreicher gemeinsamer Forschungsprojekte gibt es keine Zweifel, dass die strategische Zusammenarbeit die erhofften Früchte trägt.   

Wertvoll für die Aussagekraft von Forschungsergebnissen ist auch die Chance, möglichst viele Patientinnen und Patienten für Studien zu gewinnen. Für Anne Koopmanns Studie zum Einfluss appetitregulierender Hormone auf das Verlangen nach Alkohol etwa konnte jeweils die Hälfte der Teilnehmenden aus dem Psychiatrischen Zentrum Nordbaden und dem ZI gewonnen werden. Der Hintergrund ihrer Studie: Es ist bekannt, dass eine erhöhte Blutkonzentration des appetitanregenden Peptidhormons Ghrelin das Gehirn dazu veranlasst, den Glücksbotenstoff Dopamin vermehrt freizusetzen. Koopmanns Untersuchungen zeigen, dass sich der Ghrelin-Blutspiegel durch das schnelle Trinken von einem Liter Wasser in der frühen Abstinenzphase senken lässt. Das Verlangen nach Alkohol lässt daraufhin deutlich nach. Die Empfehlung, dass Patienten während ihres Entzugs stets eine gefüllte Flasche Wasser bei sich haben und daraus trinken sollten, hat mittlerweile Eingang in den Behandlungsalltag gefunden, wie die Eingangsszene exemplarisch zeigt.  

Zu den gemeinsam entwickelten Therapieansätzen, die bereits in der Praxis angekommen sind, zählen auch Projekte der Suchtmedizin, die auf eine stärker familienzentrierte Versorgung abzielen (siehe auch „Stark im Sturm“). Ein weiterer Baustein der integrierten Versorgung ist die therapiebegleitende App ELMA 2.0. Die digitale Anwendung ist mehrsprachig und intuitiv nutzbar; sie unterstützt suchterkrankte Mütter und Väter während der ambulanten oder stationären Behandlung und in der Rehabilitation. 

Innovative Wege 

Seit dem Jahr 2019 geht das ZI als Partner der drei führenden deutschen Suchtforschungsstandorte Berlin, Dresden und Mannheim innovative Wege: Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Sonderforschungsprojekt Verlust und Wiedererlangung der Kontrolle bei Suchterkrankungen ist das bislang umfassendste und ambitionierteste Vorhaben der deutschen Suchtforschung. Ihm gehören über 50 Forschungsverantwortliche aus allen relevanten Disziplinen der Suchtforschung an, mit ihren Teams arbeiten sie an insgesamt 25 wissenschaftlichen Projekten. In der ersten Projektphase lag der Fokus darauf, Verläufe und Muster des abhängigen Alkoholkonsums zu identifizieren, darauf bauten Untersuchungen zu den biologischen Suchtmechanismen auf. 

Neu ist die methodische Herangehensweise. Bislang war es üblich, Daten im klinischen Umfeld rückblickend zu erheben. Die aktuellen Untersuchungen orientieren sich an den realen Lebensumständen der rund 800 Studienteilnehmenden, die mit unterschiedlichen Schweregraden von Alkoholismus über vier Jahre hinweg im Alltag begleitet werden, um ihr Trinkverhalten zu erheben. Die Daten werden mobil in Echtzeit erfasst und anschließend mit allen heute verfügbaren Techniken – von Modellierungen mithilfe des Computers bis hin zur Analyse sehr großer Datenmengen mittels Künstlicher Intelligenz – ausgewertet.  

„Die Datenerhebungen im realen Leben haben zu überraschenden Erkenntnissen zum Muster des Alkoholkonsums geführt", fasst Rainer Spanagel ein Zwischenergebnis zusammen. „Wir staunen selbst immer wieder über die Resultate und haben eine neue Sicht auf die Sucht gewonnen.“ Viele bisherige Annahmen – etwa zu Kontrollverlust, zu Impulsivität oder Stress als Auslöser – müssten auf Grundlage der aktuellen Erkenntnisse hinsichtlich des Geschlechts und des Alters neu bewertet werden. Im Jahr 2023 startete die zweite Förderphase des ambitionierten Sonderforschungsprojekts. Jetzt stehen neue Verhaltens- und Medikamententherapien sowie ergänzende Behandlungsansätze, beispielsweise die Tiefenhirnstimulation, im Vordergrund.  

Schon heute steht fest: Die in der realen Lebenswelt der Betroffenen ermittelten Mechanismen der Sucht zeigen deutlich auf, wie vielfältig Suchterkrankungen und wie notwendig individuelle, auf jeden einzelnen Patienten ausgerichtete Therapie- und Unterstützungsangebote sind. Für eine derartige Präzisionsmedizin gibt es bereits interessante Ansätze. Ein Beispiel ist die Entwicklung einer App, die eine auf dem individuellen Verhalten des Suchterkrankten basierende Rückfallsituation im Alltag vorhersagen kann und sie so auch besser vermeiden lässt.   

Für abhängigkeitserkrankte Menschen wie Nico, Claudia und Markus eröffnet die neue Qualität der suchtmedizinischen Forschung eine große Chance – auf ein erfülltes Leben ohne Alkohol.

 

„SUCHT IST KEINE WILLENSSCHWÄCHE, SONDERN EINE DURCH SUCHTSTOFFE BEDINGTE VERÄNDERUNG IM GEHIRN.“

Prof. Dr. Falk Kiefer

Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin

NEUE FORSCHUNGSERGEBNISSE SOLLEN DEN PATIENTEN MÖGLICHST SCHNELL ZUGUTEKOMMEN.“

Prof. Dr. Rainer Spanagel 

Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Psychopharmakologie

„DURCH ZUSAMMENARBEIT KÖNNEN WIR NEUE THERAPIEMÖGLICHKEITEN ENTWICKELN UND ERPROBEN, OB SIE IM BEHANDLUNGSALLTAG UMSETZBAR SIND.“

Prof. Dr. Anne Koopmann

Oberärztin der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin

Wie das Gehirn umlernen kann

Bei der Therapie alkoholabhängiger Patientinnen und Patienten mit ausgeprägtem Kontrollverlust ist Abstinenz der Schlüssel, um das Suchtverhalten zu überwinden. „Es gilt, erlernte Hinweisreize auf Suchtmittel von der pharmakologischen Wirkung des Suchtmittels auf das Belohnungssystem des Gehirns zu entkoppeln“, erklärt ZI-Forscher Prof. Dr. Falk Kiefer. Mithilfe eines gezielten Neurofeedback-Trainings können Betroffene innerhalb kurzer Zeit lernen, die fehlgesteuerte Reizreaktivität ihres Belohnungssystems zu kontrollieren.   

Als eine der effektivsten Behandlungsstrategien hat sich die Reiz-Expositions-Therapie erwiesen, ein Abstinenztraining, das alkohol-kranke Menschen darin schult, mit Alkoholreizen umzugehen: Nach der Konfrontation mit dem Suchtreiz soll die über den Konsum von Alkohol vermittelte Belohnungsverstärkung ausbleiben. Unser Gehirn ist lernfähig; es erkennt, dass die Belohnungsvorhersage falsch ist und korrigiert den Wert der Vorhersage sowie das automatische Verarbeitungsmuster. Bildgebende Verfahren zeigen, dass bereits wenige Therapiesitzungen bei frühabstinenten alkoholabhängigen Patientinnen und Patienten ausreichen, um die Antwort des Gehirns auf Alkoholreize deutlich zu mindern. Die Lerneffekte dieses Trainings lassen sich durch die ergänzende Therapie mit einem gedächtnisstärkenden Wirkstoff noch zusätzlich steigern.  

Ein großes Potenzial sehen Experten wie Falk Kiefer auch in achtsamkeitsbasierten Verfahren, die individuell auf den Patienten zugeschnitten sind. Die Therapie motiviert dazu, den Blick für alternative Handlungsoptionen außerhalb des Trinkens von Alkohol zu öffnen.  

Motivbilder: © iStock



Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de