„Du bist gut so, wie du bist!“
Im Gespräch mit Martina Schuster, Leiterin der Klinikschule am ZI, und ihrer Stellvertreterin Signe Stöber.
von Susanne Paulsen
Frau Schuster, Frau Stöber, warum eine Schule im Therapiegebäude des ZI?
Martina Schuster: Unsere Schule hat das Ziel, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen für die Zeit ihres Klinikaufenthalts schulische Bildung zu ermöglichen, sodass sie sich anschließend wieder gut in den Unterricht an ihren Heimatschulen eingliedern können. Wir arbeiten sehr eng mit dem ZI zusammen, sind aber eine staatliche Schule.
Signe Stöber: Die Klinikschule schafft ein Stück Normalität. Sie bietet aber auch einen Schutzraum, in dem sich die Schülerinnen und Schüler stabilisieren und Vertrauen in eigene Fähigkeiten gewinnen können.
Gibt es Unterschiede zwischen der Klinikschule und einer klassischen Schule?
Martina Schuster: Es gibt auch bei uns Klassenzimmer, einen Stundenplan und Schulferien. Allerdings sind die Lerngruppen kleiner und wir unterrichten schwerpunktmäßig die Hauptfächer und Kunst. Das Team besteht aus Lehrkräften aller Schularten.
Können die Schüler bei Ihnen auch Prüfungen ablegen?
Signe Stöber: Wenn in den Heimatschulen Klassenarbeiten oder Prüfungen anstehen, können die Schülerinnen und Schüler sie in Absprache mit den Therapeuten auch bei uns ablegen. Das betrifft alle Schularten bis hin zum Abitur.
Das klingt alles ziemlich normal.
Martina Schuster: Ein großer Unterschied ist die hohe Fluktuation durch die wechselnden Patientinnen und Patienten. Manche Schüler bleiben nur wenige Tage bei uns, andere mehrere Monate. Die Therapeutinnen und Therapeuten in der Klinik entscheiden, wer in welchem Umfang in die Schule gehen kann, je nachdem, wie viel Belastung sie für möglich und sinnvoll halten.
Macht es das nicht schwierig, den schulischen Alltag zu organisieren?
Signe Stöber: Schon, aber Flexibilität gehört zu unserem Beruf.
Wie sieht das konkret an einem Schultag aus?
Martina Schuster: Einige Schüler haben keine schulischen Probleme, andere waren zum Beispiel für eine sehr lange Zeit nicht in der Schule. Sie starten bei Bedarf mit einer Stunde oder manchmal sogar nur mit einigen Minuten Unterricht, steigern sich langsam und gewöhnen sich so Schritt für Schritt wieder an den Schulalltag.
Signe Stöber: Für manche ist es wichtig, zu erleben: Es ist okay, wenn ich nur zehn Minuten am Unterricht teilnehme und danach so erschöpft bin, dass ich die übrige Zeit im Klassenzimmer auf einem Sitzsack verbringe und mir ein Buch anschaue – aber ich bin Teil der Gruppe. Die Kinder und Jugendlichen spüren: Wenn ich Kraft getankt habe, kann ich jederzeit wieder in den Unterricht einsteigen. Und das wird dann weiter gesteigert.
Welche Schülerinnen und Schüler betrifft das?
Signe Stöber: Etwa Jugendliche mit Depressionen, aber auch mit Psychosen oder Ängsten.
Martina Schuster: Wir hören oft von Schülern, dass sie Schule bei uns ganz anders erleben als gewohnt. Sie erfahren viel individuelle Unterstützung, trauen sich bei uns nachzufragen oder sich vor die Klasse zu stellen und etwas zu präsentieren. Dadurch fassen sie neuen Mut.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Klinik aus?
Martina Schuster: Sie ist sehr intensiv, denn die Klinikschule ist Bestandteil des therapeutischen Konzepts der Klinik. Wir sprechen uns ab, und oft gibt es Beobachtungsaufträge von Seiten der Therapeuten. Wie wirkt eine Medikation oder eine Therapie sich bei uns in der Schule aus? Wie leistungsfähig und emotional stabil ist ein Schüler? Wie steht es mit seiner Gruppenfähigkeit? Wie lange kann eine Schülerin sich konzentrieren? Wie organisiert sie sich?
Signe Stöber: Die Schulleitung nimmt an den oberärztlichen Visiten auf der Station teil. Den Schülern gegenüber äußern wir uns aber immer nur zu schulischen Themen. Bei therapeutischen Fragen verweisen wir auf die Fachleute in der Klinik.
Wie würden Sie die Atmosphäre in Ihrer Schule beschreiben?
Signe Stöber: Die Atmosphäre wird bestimmt von unserer Haltung: Du bist gut so, wie du bist. Auch wenn du wütend, traurig, leise oder laut bist. Wir zeigen dir dann vielleicht Grenzen auf. Aber wir sehen dich immer als Mensch und als wichtigen Teil der Gesellschaft.
Martina Schuster: Für viele ist dieser Umgang ein Aha-Erlebnis. Sie erleben Schule nach langer Zeit wieder als positiv.
Empfinden Sie Ihre Arbeit als schwierig? Muss man dafür besondere Kompetenzen haben?
Martina Schuster: Die Arbeit ist vor allem vielfältig. Man muss dafür flexibel, kommunikationsfähig und belastbar sein, man muss schnell Kontakt zu den Schülern aufbauen und sie zu gegebener Zeit wieder loslassen können.
Mehr zur Schule am ZI : schule-quadratj5.de
Foto: © Daniel Lukac
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de