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Reportage

Wenn der Umgang mit Gefühlen zum Problem wird

Im Adoleszentenzentrum des ZI werden Jugendliche und junge Erwachsene betreut, die während des Heranwachsens einschneidenden belastenden Erlebnissen ausgesetzt waren. Die Patientinnen und Patienten sind zwischen 16 und 24 Jahre alt – während ihrer kompletten Entwicklungsphase können sie auf eine konstante Behandlung vertrauen. Wir haben dem besonderen Zentrum einen Besuch abgestattet.    


von Susanne Paulsen

Was ist eine „Hüterin der Dialektik“? Ganz einfach: Jemand, der aufpasst, dass niemand einseitig spricht. Die 23-jährige Carlotta Wendt übernimmt diese Rolle oft. Vor ihr steht dann in der Gruppenstunde ein Gong. Bemerkt die blonde junge Frau mit den schwarzen Ringen in Lippe, Nase, Ohr einen einseitigen Satz im Gespräch – etwa „Das kriege ich nie hin“ oder „Die ist aber extrem unsympathisch“ – schlägt sie den Gong an. Der leise Ton erinnert alle: Da war es ja wieder, das Schwarz-Weiß-Denken.

Wendt, deren Name für diesen Text geändert wurde, absolviert eine stationäre Psychotherapie an einem ungewöhnlichen Ort. Den Räumen sieht man das nicht an. Sie sind einfach eingerichtet. Im ersten Stock eines im Jahr 2016 eröffneten Neubaus des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit im Mannheimer Quadrat K 3 ziehen sie sich U-förmig um einen Innenhof. Das Adoleszentenzentrum für Störungen der Emotionsregulation, kurz AZE, wurde als interdisziplinäre Einheit der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin sowie der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters konzipiert. Prof. Dr. Christian Schmahl, Prof. Dr. Dr. Tobias Banaschewski, Prof. Dr. Martin Bohus, Dr. Frank Enning und Prof. Dr. Sarah Hohmann entwickelten das klinik- und sektorenübergreifende innovative Konzept, nach dem im AZE gearbeitet wird. Hier werden junge Menschen in der gesamten Zeit ihres Erwachsenwerdens, der Adoleszenz, betreut. Ein gemischtes Team aus Fachleuten für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Erwachsenenpsychosomatik kümmert sich um die 16- bis 24-Jährigen.

„Wie Sisyphos“ 

Die Behandlung orientiert sich an der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT). Diese Form der Psychotherapie legt den Schwerpunkt darauf, geschickter mit Emotionen umzugehen – dafür steht das E in AZE. Das Programm eignet sich besonders für Personen mit einer Borderline- oder einer Traumafolge-Störung aufgrund schwerer körperlicher oder sexueller Gewalt. Nicht selten kommt beides zusammen. Aber auch andere Patientinnen und Patienten – etwa mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, besser bekannt als ADHS, oder einer Essstörung – werden behandelt, wenn der Umgang mit Gefühlen zu ihrem zentralen Problem wird.  

Das AZE bietet, sofern es für die Patientinnen und Patienten möglich ist, zunächst eine ambulante Therapie an. Nur wenn es nötig ist, nehmen Patientinnen und Patienten an einem intensiven, zwölfwöchigen Behandlungsblock auf der Station teil – so wie Carlotta Wendt. Dieses doppelte Angebot unterstützt schwer erkrankte junge Frauen, Männer und Transpersonen in der wichtigen Zeit ihres Erwachsenwerdens oft über Jahre. Sie erhalten individuelle Begleitung mit möglichst geringen Wartezeiten zwischen den Therapieangeboten. Und sie müssen nicht mit 18 Jahren von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenenpsychiatrie wechseln.  

Zugleich ist das Adoleszentenzentrum eine Forschungsstätte. Wer hier aufgenommen wird, kann freiwillig an Studien teilnehmen und profitiert davon, dass in die Behandlung kontinuierlich neue wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen. „Viele unserer Patientinnen finden es spannend und ermutigend, ihre Therapie sozusagen am Puls der Forschung zu machen“, sagt Fiona Ellerbrock, Psychologin und therapeutische Teamleiterin am AZE. 

Das sieht auch Carlotta Wendt so. Sie hat dem Gespräch zugestimmt, um falsche Vorstellungen über die Borderline-Störung auszuräumen, die bei ihr im Alter von 18 Jahren diagnostiziert wurde. Es gibt, so sagt sie, zu viele „verstaubte Vorurteile“. Etwa, dass Betroffene selbst schuld seien an ihren Schwierigkeiten oder dass die Borderline-Störung unheilbar sei. Anders als einige Mitpatientinnen ist Wendt zum ersten Mal am AZE. Von einer durchgehenden Betreuung aus einer Hand konnte sie also noch nicht profitieren.   

Sie hat bereits zahlreiche Behandlungen hinter sich; die Störung ist mehrmals abgeflaut und wieder zurückgekehrt. „Ich fühle mich wie Sisyphos, der immer wieder den Stein den Berg hinaufrollen muss“, erklärt sie. Neben der Anbindung an die Wissenschaft gefällt ihr am AZE besonders, wie sehr das Team sie bestärkt, Probleme selbst zu lösen. „Das gilt auch für die Pflegepersonen“, sagt Wendt. „Sie sind aktiv in den Therapieprozess eingebunden und geben uns auch nachts Mini-Coachings, falls das nötig ist.“ 

 

Hoher Leidensdruck

Borderline-Störungen sind ein relevantes Gesundheitsproblem im Jugendalter, fünf von hundert Heranwachsenden sind betroffen. Längst nicht alle finden passende Hilfe. Der Leidensdruck ist hoch: Kleinste Anlässe führen oft zu gewaltiger Anspannung. Die Stimmung schwankt heftig. Emotionen wie Wut, Trauer oder Selbsthass kommen schlagartig. Sie sind intensiv und dauern lange an. Viele Betroffene fühlen sich leer. Sie erleben ihre Umgebung zeitweise als unwirklich, haben Suizidgedanken oder schädigen sich selbst – etwa durch übermäßigen Alkoholkonsum oder Selbstverletzung. Wer mit solchen Symptomen kämpft, hat oft große Probleme in der Schule, im Beruf und im zwischenmenschlichen Bereich. Der Start ins Erwachsenenleben gestaltet sich holprig oder scheitert. Fachleute glauben heute, dass der Borderline-Störung eine unzureichende Emotionsregulation im Gehirn zugrunde liegt. Mit modernen bildgebenden Verfahren lässt sich das zeigen:  Bei Betroffenen sind mehrere Nervennetze leicht verändert, die sonst Gefühle sinnvoll kontrollieren.   

Prinzipiell kann sich eine gestörte Emotionsregulation bei jedem Menschen entwickeln. In dieser Hinsicht ähnelt sie einem Herzinfarkt oder einer Blinddarmentzündung. Bei einigen Patientinnen und Patienten scheint sie lediglich deshalb aufzuflammen, weil sie eine große Empfindsamkeit gegenüber Gefühlsreizen haben. In ihrer Vorgeschichte finden sich keine einschneidenden belastenden Ereignisse. Bei vielen anderen jedoch haben die Mitmenschen den Boden für diese auffällige Entwicklung bereitet, oft die nächsten Bezugspersonen: Sie haben die Betroffenen in der Kindheit oder Jugend abgewertet, ihre Gefühle übergangen, sie gemobbt, geschlagen oder sexuell missbraucht. Manchmal gab es auch außergewöhnlich viel Streit in der Familie, etwa aufgrund einer schwierigen Trennung der Eltern. Ist ein junger Mensch ohnehin sensibel, können solche sozialen Faktoren ihn besonders leicht schädigen.   

„Eine Borderline-Störung sollte so früh wie möglich erkannt und durch eine spezialisierte Psychotherapie behandelt werden“, erklärt Fiona Ellerbrock. „Deshalb sind Angebote wie das Adoleszentenzentrum so wichtig. Kinder- und Jugendärzte aus der Region können Jugendliche, bei denen sie die Störung vermuten, zur Diagnostik an uns überweisen.“ Es gibt auch andere Zugangswege in das AZE: Ärzte oder Psychotherapeuten können überweisen oder die Betroffenen stellen sich selbst zur Diagnostik vor. Durch rechtzeitige und genau auf die Störung zugeschnittene Psychotherapie kann man im besten Fall vermeiden, dass eine beginnende Borderline-Störung sich voll ausprägt und chronisch wird. Allgemeine psychotherapeutische Unterstützung dagegen hilft meist wenig oder gar nicht, wie Untersuchungen zeigen. Medikamente können nötig sein, um Symptome oder Begleiterkrankungen zu behandeln. Das Grundproblem heilen sie nicht.

Soteria —  den Alltag besser bewältigen

Ein weiteres Behandlungsangebot für Adoleszenten am ZI ist die Soteria (griechisch für Rettung, Wohl, Bewahrung). Das wissenschaftlich erprobte Konzept fördert bei Menschen mit psychotischen Symptomen nachhaltig eine entspanntere Wahrnehmung. Anzeichen für Psychosen sind beispielsweise Wahnvorstellungen und Halluzinationen, die Betroffenen nehmen sich selbst und ihre Umwelt verändert wahr.    

Während akuter Phasen der Erkrankung werden die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Soteria individuell begleitet und aufgefangen. In der übrigen Zeit lernen sie, gemeinsam mit anderen Betroffenen und unterstützt von einem fachübergreifenden Team, den Alltag besser zu bewältigen. Die Patientinnen und Patienten arbeiten daran, ihre Wahrnehmung und Denkleistung zu verbessern und ihre Stresstoleranz zu erhöhen.  

Die Patientinnen und Patienten leben während der mehrwöchigen Behandlung in einer Wohngemeinschaft und profitieren von einer entspannten Atmosphäre. In der Behandlungseinheit kooperieren die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters und die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. 

Prof. Dr. Dusan Hirjak 

Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie

„IN DER SOTERIA ARBEITEN SICH DIE BTROFFENEN IN EINEN GEREGELTEN ALLTAG ZURÜCK UND LERNEN, MIT IHREN BESONDEREN BELASTUNGEN UMZUGEHEN.“

 

 

Lösungen anbieten

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie, wie sie am Adoleszentenzentrum praktiziert wird, gilt heute als einer der vielversprechendsten Behandlungsansätze bei Borderline-Störungen, gerade im Jugendalter. Das spiegelt sich in der wissenschaft-lichen Behandlungsleitlinie wider, deren Autorinnen und Autoren diese Therapieform ausdrücklich empfehlen. „Mit DBT gelingt es vielen, selbstverletzendes Verhalten und schwierige Grundannahmen – etwa dass sie nichts wert seien – in den Griff zu bekommen“, sagt Ellerbrock. Wie tiefgreifend dieser Wandel ist, zeigt eine im Jahr 2017 veröffentlichte Studie, die am ZI und am Universitätsklinikum Heidelberg durchgeführt wurde: Nach erfolgreicher Behandlung hatten genau die Nervennetze im Gehirn an Volumen gewonnen, die Gefühle und Verhaltensimpulse regulieren.

Begründet wurde die DBT in den 1980er-Jahren von der US-amerikanischen Psychologin Marsha M. Linehan. Seitdem wird diese Therapieform ständig weiterentwickelt. In ihrem etwas sperrigen Namen steckt außer dem philosophischen Begriff der Dialektik das englische Wort behavior (Verhalten), denn DBT beruht auf der kognitiven Verhaltenstherapie. In der kognitiven Verhaltenstherapie geht es darum, konkrete Lösungen für aktuelle Probleme zu finden. Dafür üben die Patienten, belastende Denkmuster und Verhaltensweisen zu erkennen. Sie lernen, diese durch andere zu ersetzen, die unschädlich oder sogar bereichernd sind.

Dieser Ansatz wird in der DBT durch Elemente erweitert, die eine bestimmte Haltung zum Alltag und zu den Mitmenschen empfehlen. Es gilt zum Beispiel für alle – therapeutisches Team wie Patientinnen – der Grundsatz, so wertschätzend wie nur möglich miteinander umzugehen. Daneben wird Achtsamkeit gelehrt: die Fähigkeit, sich wertfrei auf die Gegenwart zu konzentrieren und dadurch zur Ruhe zu kommen. Auch die Dialektik – das D in DBT – ist so ein Lebenskonzept. Sie besagt, dass es kein Richtig oder Falsch gibt, sondern nur unterschied-liche Positionen, von denen aus man eine Situation betrachten kann. Sich an einer extremen Position festzuklammern führt in eine Sackgasse. Besser ist es, einen mittleren Standpunkt zu suchen, der die Gegensätze vereint. 

Carlotta Wendt empfindet das dialektische Denken als heilsam. Es mäßigt Niedergeschlagenheit, Selbstabwertung und Wut, sagt sie. Der Gong in den Gruppenstunden hilft, Momente zu erkennen, in denen sich Dialektik üben lässt. „Aus ‚Ich kriege das nie hin‘ macht man in Gedanken dann vielleicht. ,Okay, es fühlt sich gerade aussichtslos an. Aber wenn ich mir Unterstützung hole und dranbleibe, geht es eventuell doch‘,“ erklärt Wendt.   

Im Adoleszentenzentrum lassen sich Hunderte solcher Methoden erlernen, emotional schwierige Situationen zu entschärfen. In der DBT heißen sie Skills, das ist das englische Wort für Fähigkeiten. Skills werden in Gruppenstunden gelehrt und mit dem persönlichen Therapeuten besprochen.

Sich aus der Krise „herausskillen“

In den Basiskursen für Patientinnen in ihren ersten Therapie-wochen liegt der Fokus darauf, innere Anspannung zu erkennen, sie richtig zu deuten und mit individuell geeigneten Skills darauf zu reagieren. Dabei übt man, die Anspannung auf einer Skala von 1 bis 100 einzustufen. Für Neulinge ist das oft herausfordernd. „Je häufiger du es machst, desto einfacher wird es“, erklärt eine erfahrenere Teilnehmerin einer Anfängerin. „Siebzig bedeutet, dass es ganz krass ist.“ 

Fachleute nennen Anzeichen für einen Anspannungsgrad ab 70 Einschränkungen der kognitiven Funktionen und dissoziative Zustände. In solchen Momenten ist es beispielsweise unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen oder den eigenen Körper deutlich zu spüren. Die Gefahr schwerer Selbstverletzungen steigt.   

Hier helfen statt gedanklicher Skills meist ausschließlich Stresstoleranz-Skills. Dabei lenkt man die Aufmerksamkeit bewusst auf unschädliche, starke äußere Reize: joggen gehen, boxen, ein großes Gummiband auf den Arm zurückschnellen lassen, sich gehockt an die Wand lehnen, bis die Muskeln brennen. Zitronenöl einatmen oder die Haut mit extrastarker Chilisalbe überwärmen. Zu lernen, sich – wie die jungen Menschen am AZE sagen – aus einer Krise „herauszuskillen“,  ist eine komplexe Erfahrungswissenschaft.   

Es geht darum, das eigene Verhalten zu analysieren, Willen zur Selbststeuerung zu entwickeln, persönliche Frühwarnzeichen für Anspannung zu erkennen, wirksame Skills zu finden und diese zu „Ketten“ zusammenzustellen, die man im Notfall abarbeitet. Alles muss auch in der Schule oder am Ausbildungsplatz funktionieren. „Wir geben hier viele Tricks weiter, die andere Teilnehmende entwickelt haben, und wachsen mit jeder Patientin und jedem Patienten“, sagt eine Kursleiterin.   

Carlotta Wendt hat es bislang auch mithilfe solcher Stresstoleranz-Skills geschafft, schwere Selbstverletzungen zu vermeiden. In anderen Kliniken musste sie deshalb schon Therapien abbrechen, ein häufiges Problem bei Borderline-Patientinnen. Jetzt trainiert sie vor allem ihr Selbstmitgefühl und Skills, die Emotionen regulieren helfen. Gerade fasziniert sie das Erkennen von Denkfehlern – etwa des Fehlschlusses, eine Emotion wie Abneigung als Beweis zu nehmen, dass ein Mensch nur schlechte Seiten hat. Vor Kurzem hat ihr auch der Skill Vorsicht Falle geholfen, eine schier unerträgliche Verlustangst zu bewältigen. Dabei geht es darum, die Situation schrittweise zu analysieren und herauszufinden, ob alte Gefühle beteiligt sind – und dann wieder in die Gegenwart zu kommen, in der man kein hilfloses Kind mehr ist, sondern älter und handlungsfähiger.  

Das Trauma bewältigen

Auch Wendts Mitpatientin Anna Lilienthal schätzt die Vielfalt der Skills. „Das Konzept hat mir sofort eingeleuchtet“, sagt die 18-Jährige. Wenn sie ihre Wut loswerden will, schleudert sie zum Beispiel Eiswürfel auf den Boden: „Ich schaue ihnen beim Zerklirren zu, das tut so gut.“ Ein zentrales Element ihres Therapiewegs am AZE jedoch, die Trauma-Exposition, fand sie zu Anfang „unglaublich beängstigend“. Lilienthal hat in der Kindheit schwere körperliche und sexuelle Gewalt erlitten und die Ereignisse zunächst weitgehend verdrängt. Erst vor vier Jahren sind sie ihr wieder ins Gedächtnis gekommen. Dadurch wurde klar, dass sie aufgrund der Gewalttaten an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leidet.  

Eine PTBS kann nach extrem belastenden Ereignissen entstehen. Sie verursacht Symptome wie Rückzug, Teilnahmslosigkeit und unkontrollierbares, überwältigendes Wiedererleben von Trauma-Erinnerungen in Form von Angstträumen und sogenannten Intrusionen. Lilienthal etwa sieht Blut auf ihren Händen. Betroffene können sich oft schlecht konzentrieren, sind verzweifelt, leicht reizbar und sehr schreckhaft. 

Eine fachgerecht durchgeführte Trauma-Exposition kann solche Symptome abschwächen oder verschwinden lassen. Sie beginnt im AZE erst, wenn der betreffende Mensch sich nach einigen Therapiewochen emotional stabilisiert und viel über den Umgang mit Traumata erfahren hat. Gemeinsam mit Therapeutin oder Therapeut wird dann ein genauer, möglichst lebhafter Bericht des sogenannten Indextraumas erstellt und aufgezeichnet. Als Indextrauma wird in diesem Kontext die Erinnerung bezeichnet, die derzeit am stärksten belastend wahrgenommen wird.   

Die etwa 10 bis 30 Minuten lange Aufnahme hört sich der Patient täglich an. Wichtig ist, dabei sowohl die traumatischen Erinnerungen aufsteigen zu lassen als auch in Kontakt mit der Gegenwart zu bleiben. Dabei sind Skills eine große Hilfe. „Bei meinem ersten Aufenthalt im AZE war ich 17“, erzählt Anna Lilienthal. „Damals ging es in der Exposition vor allem darum, die Erinnerungen überhaupt auszuhalten.“ Jetzt ist sie zu einer zweimonatigen Booster-Behandlung wiedergekommen – glücklicherweise ist das im AZE auch übergangslos nach Erreichen der Volljährigkeit möglich. In ihrer Trauma-Exposition verwendet sie nun einen detaillierteren Text, in dem sie ihre Emotionen und Körperreaktionen sehr genau beschreibt. 

Durch die beiden Aufenthalte haben Lilienthals Symptome, etwa die Intrusionen, an Intensität verloren. Am wichtigsten erscheint ihr aber, dass sie inzwischen wesentlich besser mit schwierigen Alltagssituationen umgehen kann. „Früher waren meine Emotionen ein beängstigendes Mischmasch,“ sagt sie und lächelt. „Inzwischen fühlen sie sich viel sortierter an.“

 Die Trauma-Exposition gehört zu einem speziellen DBT-Konzept: der DBT-PTBS. Die Methode wurde in den Jahren 2005 bis 2021 von einem Team um den früheren Direktor der Klinik für Psychosomatik Prof. Dr. Martin Bohus am ZI entwickelt. Sie ist für Patientinnen mit einer Posttraumatischen Belastungs-störung gedacht, die gleichzeitig Symptome einer Borderline-Störung aufweisen — vor allem die typischen, kaum zu regulierenden Emotionen.  

„Dass in der Kindheit erlebte zwischenmenschliche Gewalt später ein Krankheitsbild auslöst, bei dem beide Störungen ineinander übergehen, kommt relativ häufig vor“, erklärt Prof. Dr. Christian Schmahl. Der Ärztliche Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am ZI ist einer der beiden Leiter des AZE und hat das Konzept der DBT-PTBS mitentwickelt. „Diese komplexe PTBS gilt als beson-dere Herausforderung für Betroffene und Therapeutinnen.“ 

Mit DBT-PTBS werden beide Störungen angesprochen. Zwei große wissenschaftliche Untersuchungen haben mittlerweile gezeigt, dass die Methode hocheffektiv ist. Heute ist sie international anerkannt als das derzeit wirksamste Behandlungsprogramm bei komplexer PTBS. Eine Studie am AZE ergab 2019 außerdem: Die Therapieform ist auch für Jugendliche und junge Erwachsene geeignet. Man muss sie nur etwas anpassen. So kann auch jüngeren Patientinnen wie Anna, die oft schwer mit ihrer doppelten Symptomatik zu kämpfen haben, heute gut geholfen werden.  

Darüber hinaus ist aus den Studien zur DBT-PTBS eine neue Idee entstanden. Im Moment beschäftigt und fasziniert sie die DBT-Entwickelnden am ZI und damit auch das Team am Adoleszentenzentrum. „Wir konnten in den Studien sehen, dass durch die DBT-PTBS auch die Borderline-Symptome sehr stark zurückgehen“, sagt Schmahl. „Deshalb prüfen wir nun, ob eine Exposition den Therapieerfolg auch bei Borderline-Patienten verbessern kann, die keinen körperlichen oder sexuellen Missbrauch erlitten haben.“  

Zu dieser Frage läuft derzeit eine groß angelegte Studie. Das ZI arbeitet dafür mit dem Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum und dem Universitätsklinikum im kanadischen Toronto zusammen. Die Teilnehmenden sind in den Ambulanzen der beteiligten Zentren rekrutiert worden. Im stationären Bereich des AZE wird die neue Form der Exposition ebenfalls praktiziert, ohne das strenge Korsett einer wissenschaftlichen Untersuchung. Er geht darum, Erfahrung mit der Methode zu sammeln. 

Der subjektive Kern des Erlebens

Wichtig vor allem: Wie gestaltet man die Exposition? Es gibt ja kein körperliches oder sexuelles Trauma zu bearbeiten. Sehr viele junge Patientinnen mit Borderline-Störung waren in ihrer Kindheit jedoch schwierigen zwischenmenschlichen Situationen ausgesetzt. Damals sind Emotionen entstanden, die nicht zu verarbeiten waren. Eine oder einige davon waren besonders zentral – sozusagen der subjektive Kern des Erlebens. Diesen gilt es wiederzufinden und zu exponieren.   

„Für einen 17-Jährigen oder eine 22-Jährige ist es oft sehr schwierig, da heranzukommen“, erklärt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Juliane Rausch, Oberärztin am AZE. „Im Bewusstsein ist da vielleicht vor allem Wut. Und wenn wir es irgendwann geschafft haben, dass der oder die Betroffene nichts mehr kaputt schlägt, dann stellen wir gemeinsam fest: Hinter der Wut steckt als Kernemotion eine ganz starke, schambesetzte Einsamkeit.“  

Gemeinsam wählen Therapeutin und Patient eine Erinnerung aus, die die Kernemotion relativ zuverlässig hervorruft, zum Beispiel von einer Bezugsperson allein gelassen oder beschimpft zu werden. Die Szene wird aufgeschrieben, vorgelesen und aufgenommen. „Wenn dabei wirklich dieses starke Erleben der alten Emotionen auftaucht, halten wir es gemeinsam aus“, sagt Rausch. „Später konfrontiert der oder die Betroffene sich selbstständig mit der Aufnahme, wie bei der PTBS-Behandlung.“   

Auch Carlotta Wendt, die junge Frau mit der Borderline-Störung, wird demnächst ihre Emotions-Exposition beginnen. Sie fragt sich, wie es wohl sein wird. Wird die Methode etwas Zentrales, Schmerzendes in ihr besänftigen? Und damit eines der vielen Puzzleteile werden, die ihre Störung abbauen helfen? Wendt spürt Neugier, ein bisschen Aufregung – und ist guten Mutes. Denn wie schon viele vor ihr ist sie davon überzeugt, endlich angekommen zu sein: an einem Ort, wo man sie sieht, versteht, nach neuestem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis unterstützt und dabei begleitet, neue Wege zu gehen. 

Nachgefragt bei ...

… Prof. Dr. Christian Schmahl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin


Herr Professor Schmahl, wer hat die Dialektisch-Behaviorale Therapie, kurz DBT, ans ZI gebracht? 
Das war mein Vorgänger, Prof. Dr. Martin Bohus. Er hat die DBT im US-amerikanischen Seattle bei Marsha Linehan erlernt, der Begründerin dieser Therapieform. Martin Bohus hat die DBT in Deutschland etabliert und seit 2003 hier am ZI weiterentwickelt. 

In dieser Tradition steht auch das Adoleszentenzentrum. 
Wir haben im Adoleszentenzentrum die DBT für Erwachsene und die DBT für unter 18-Jährige zusammengeführt. Dieses Konzept überschreitet die Grenze der Volljährigkeit.   

Ist das sinnvoll? 
Diese Grenze ist völlig willkürlich gesetzt. Einige junge Menschen haben mit 16 oder 17 schon sehr erwachsene Züge und profitieren von einer selbstständigeren Arbeitsweise. Andere sind mit Anfang 20 noch nicht im Leben angekommen, müssen nachreifen und brauchen viel Unterstützung – das klassische Feld der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Im Adoleszentenzentrum können wir beide Aspekte gemeinsam bedienen.

Foto: © Sabine Kress



Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de