Grün wirkt!
Menschen, die in Städten wohnen, erkranken häufiger an Depressionen und Angststörungen. Warum ist das so? Und wie muss eine Umwelt aussehen, die vor seelischen Erkrankungen schützt? Das erkunden Forschende am Psychoepidemiologischen Zentrum des ZI. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten zeigen: Eine grüne Umgebung hilft, die Psyche zu stabilisieren.
von Claudia Christine Wolf
Ausreichend Wohnraum, ein möglichst reibungsloser Verkehr, kurze Wege zu Arbeitsplätzen oder Supermärkten – in Städten stehen meist die praktischen Bedürfnisse von Menschen im Vordergrund. Das Problem: Effizient ist nicht immer gesund. Den Vereinten Nationen zufolge wohnen schon seit einigen Jahren mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land; bis zum Jahr 2050 werden vermutlich zwei Drittel aller Menschen in Städten leben. Höchste Zeit, dass ein Umdenken stattfindet. „Lebensräume sollten nicht nur funktional sein“, sagt Heike Tost, Professorin für Psychiatrie und Psychotherapie, Oberärztin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiterin der Arbeitsgruppe Systemische Neurowissenschaften in der Psychiatrie: „Sie sollten auch das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der Menschen fördern.“
Wie eine für Menschen gesunde Umwelt aussehen sollte, erforscht die Ärztin und Wissenschaftlerin gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen am Psychoepidemiologischen Zentrum des ZI, kurz PEZ, einer Forschungsinitiative der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. „Wir identifizieren Umweltfaktoren, die Psyche und Gehirn beeinträchtigen beziehungsweise schützen, und wir untersuchen, wie sie mit biologischen Faktoren wechselwirken“, erläutert Tost. Die Forschenden nutzen dazu Methoden aus der Psychologie und Epidemiologie, aus der Hirnforschung und Geoinformatik. Das Ziel: Maßnahmen entwickeln, um psychischen Erkrankungen vorzubeugen.
Umwelt bedeute „alles, was nicht genetisch ist“, erklärt Tost. Es kann sich um physikalische Einflüsse handeln, etwa Straßenlärm oder Autoabgase. Es können aber auch soziale Einflüsse sein: die Familie, in der man aufwächst, der sozioökonomische Status, die Nachbarschaft, in der man lebt, kulturelle Werte und Normen der Gesellschaft. In Längsschnittstudien erfassen die Forschenden des PEZ diejenigen Umweltfaktoren, die auf die Bevölkerung im Rhein-Neckar-Raum einwirken – das macht das Gebiet zu einer bundesweiten Modellregion für psychische Gesundheit.
„LEBENSRÄUME SOLLTEN AUCH DAS WOHLBEFINDEN UND DIE PSYCHISCHE GESUNDHEIT DER MENSCHEN FÖRDERN.“
Prof. Dr. Dr. Heike Tost
Professorin für Psychiatrie und Psychotherapie,
Oberärztin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
und Leiterin der Arbeitsgruppe Systemische Neurowissenschaften in der Psychiatrie
Ein Tagebuch für die Wissenschaft
Herzstück der Forschung am PEZ sind elektronische Tagebücher, sogenannte E-Diaries. Damit lassen sich im Alltag der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer Daten erheben: Speziell ausgestattete Smartphones fordern die Teilnehmenden über Mitteilungen zu bestimmten Zeitpunkten dazu auf, zu schildern, wie sie sich gerade fühlen. GPS-Daten geben zusätzlich Auskunft darüber, wo sich die Studienteilnehmenden zu diesem Zeitpunkt gerade aufhalten, beispielsweise in einem Park oder einem Industriegebiet. Spezielle Sensoren lassen darüber hinaus auf die körperliche Aktivität rückschließen: Ist eine Person gerade in Bewegung oder verhält sie sich körperlich eher ruhig? Mit solchen Erhebungen, die in ein- und derselben Personengruppe über viele Jahre hinweg stattfinden, lässt sich ermitteln, wie die psychische Gesundheit einer Person mit Umgebungsfaktoren zusammenhängt.
Heike Tost kombiniert diese Erhebung mit bildgebenden Untersuchungen des Gehirns. Die Hirnforscherin interessiert, wie die Umwelt die Entwicklung des Gehirns oder die Resilienz, die psychische Regenerationsfähigkeit eines Menschen, beeinflusst. „Das Gehirn formt sich bis etwa zum 30. Lebensjahr, die ersten 15 Jahre aber sind besonders wichtig.“ In dieser Zeit entscheiden äußere Einflüsse mit darüber, wie sich Nervenzellsysteme entwickeln und wie das Gehirn Emotionen und Stress verarbeitet.
Stimmungsheber
Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass das Stadtleben vielerlei Belastungen mit sich bringt, sei es durch Feinstaub und permanente künstliche Beleuchtung, durch Verkehrslärm oder soziale Anonymität. „Kommen mehrere solcher Faktoren zusammen, entsteht eine Art Risikosuppe“, erklärt Tost. Die Zahlen belegen es: Menschen, die in Städten aufgewachsen sind, haben verglichen mit auf dem Land aufgewachsenen Menschen ein höheres Risiko, im Erwachsenenalter eine psychische Erkrankung zu entwickeln, vor allem Schizophrenie, Depressionen und Angsterkrankungen. Das hat mit Stressoren zu tun, die für Städte typisch sind. Im Laufe der Zeit verändern die negativen Einflüsse das Gehirn. Es reagiert dann empfindlicher auf Stress. Kommen eine genetische Prädisposition, Drogenkonsum oder traumatische Erlebnisse hinzu, ist die Psyche besonders stark gefährdet.
Zusammen mit Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Vorstandsvorsitzender des ZI, haben Heike Tost und ihre Mitarbeitenden in der renommierten Fachzeitschrift Nature Neuroscience eine Studie veröffentlicht, die eine bemerkenswerte Einflussgröße aufzeigt: Wiesen, Blumenbeete, Bäume – alles, was grün ist und blüht und sich im unmittelbaren Sichtfeld der Menschen befindet, wirkt sich positiv auf die Stimmung aus und kann die Seele von Städtern wirksam schützen.
Für ihre Studie haben die Forschenden E-Diaries verwendet und in Mannheim lebende Personen eine Woche lang neun Mal täglich zu ihrer Gefühlslage befragt. Mittels hochauflösender Satellitenbilder bestimmten die Forschenden zugleich, wie groß der Anteil von Grünflächen in einem Radius von hundert Metern um die Befragten war. Das Ergebnis: Sobald sich Grün in der Umgebung eines Menschen befand, besserte sich dessen Stimmung.
Die mit funktioneller Magnetresonanztomografie – einem bildgebenden Verfahren – ermittelte Hirnaktivität der Teilnehmenden ließ erkennen, dass der sogenannte dorsolaterale Präfrontalkortex im Gehirn von Menschen, die in ihrem Alltag besonders positiv auf Grünflächen reagieren, vermindert aktiv ist. Von dieser Hirnregion weiß man, dass sie an der Verarbeitung stressiger Umwelteinflüsse und negativer Emotionen beteiligt ist. „Mehr Grün scheint insbesondere für Menschen wichtig zu sein, die negative Emotionen nicht gut regulieren können“, interpretiert Heike Tost dieses Ergebnis.
Zeit für mehr Grün!
Parks und Grünflächen in Städten bringen weitere Vorteile mit sich: Dort können Menschen körperlich aktiv sein und mit anderen in Kontakt kommen. „Unsere Studien mit E-Diaries und Beschleunigungssensoren zeigen, dass es Menschen insgesamt besser geht, sind sie in Bewegung oder mit anderen Menschen zusammen“, bekräftigt Tost. „Beides schützt – nicht nur vor psychischen Störungen, auch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen.“ Doch gerade in technikorientierten modernen Umgebungen neigen Menschen zu Bequemlichkeit und zu sozialem Rückzug: Aufzüge ersetzen Treppenstufen, soziale Medien treten an die Stelle eines echten Austauschs.
Menschen, die viel allein sind, ergänzt Tost, profitierten überdurchschnittlich von Bewegung. Ein zügiger, etwa einstündiger Spaziergang pro Tag reicht den Resultaten der Mannheimer Forschergruppe nach aus, um die Stimmung zu heben. „Als besonders deutlich erwiesen sich die Effekte bei Menschen mit einer höheren funktionellen Konnektivität im sogenannten Ruhenetzwerk des Gehirns“, nennt Tost die Resultate der Hirnuntersuchungen. Dieses neuronale Netzwerk ist aktiv, wenn Menschen sich im Zustand der inneren Reflexion befinden, wenn sie grübeln oder Tagträumen nachhängen. „Eine höhere Konnektivität“, erläutert Tost, „steht im Zusammenhang mit einer erhöhten Neigung zu Depressionen und Einsamkeit.“
Die Erkenntnisse von Heike Tost und ihren Kolleginnen und Kollegen sind nicht nur wissenschaftlich interessant. Sie sind auch von großer praktischer Bedeutung, zeigen sie doch auf, wie eine gesunde Stadt aussehen und geplant werden muss, um ihre Bewohnerinnen und Bewohner vor psychischen Erkrankungen und Einsamkeit zu bewahren. Exemplarisch für Projekte, mit denen sich die Gesundheit der Menschen gezielt fördern lässt, nennt Heike Tost eine bereits in der Metropolregion Rhein-Neckar umgesetzte Maßnahme: die alla hopp!-Anlagen, Freizeit- und Bewegungsparcours, die dank der finanziellen Förderung durch die Dietmar Hopp Stiftung errichtet werden konnten. Die Anlagen laden Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Familien sowie Seniorinnen und Senioren dazu ein, sich in naturnaher Umgebung körperlich fit zu halten – und auch psychisch gesund zu bleiben.
Bedeutung von Grünflächen in der Stadt
Wie geht es Menschen in ihrer Umwelt? Die Forschenden des ZI führen Daten aus elektronischen Tagebüchern, Aufzeichnungen von Bewegungen und Aktivitäten, Geoinformationen und Hirnscans zusammen.

Fotos: © Stockcake/KI; Statistisches Bundesamt (Destatis) und GeoBasis-DE/BKG, BSR Bonn
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de