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Künstliche Intelligenz

Gesünder mit KI

Apps für mehr Wohlbefinden, Chatbots in der Psychotherapie, Algorithmen der Künstlichen Intelligenz für eine verbesserte Diagnostik und Behandlung: Wissenschaftliche Arbeitsgruppen am ZI erforschen, wie sich digitale Technologien für die Psychiatrie nutzen lassen. 

von Janosch Deeg

 


Das Smartphone vibriert. Eine App will wissen, wie sich die Nutzerin gerade fühlt. In weniger als einer Minute sind weitere Fragen beantwortet. Das Ergebnis: schlecht geschlafen, gestresst, Stimmung momentan nicht so gut. Visualisiert wird das durch verschiedene farbige Diagramme. Ein Avatar schlägt in einem Chat eine Übung vor. Los gehts: „Nimm dir Zeit, eine angenehme und aufrechte Körperhaltung zu finden, die dir ein Gefühl von Zuversicht und Offenheit gibt“, sagt eine freundliche Frauenstimme. „Nimm ein paar tiefe langsame Atemzüge.“

Die gedankliche Entspannungsreise dauert circa vier Minuten. Ausgewählt wurde sie von einer KI – passend zu den Vorlieben der Nutzerin und ihrer aktuellen Gefühlslage. Der Avatar erklärt das Ziel der Übung: „Die starken Wellen der Emotionen, die im Alltag auftreten können, sollen einen Nutzer nicht einfach mitreißen.“

Die App mit dem Namen AI4U-Training (ausgesprochen AI for you) wurde im Rahmen des vom Wissenschaftsministerium Baden-Württemberg geförderten Reallabors KI für personalisierte psychische Gesundheitsförderung entwickelt. In dem Projekt erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des ZI zusammen mit verschiedenen Partnern, wie sich die Künstliche Intelligenz, kurz KI, nutzen lässt, um die psychische Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu stärken. 

Im richtigen Moment

„Mit dem AI4U-Training wollten wir zunächst herausfinden, welche Inhalte junge Menschen ansprechen“, erklärt der Projektkoordinator Dr. Christian Rauschenberg von der ZI-Abteilung Public Mental Health. Gemeinsam mit Prof. Dr. Ulrich Reininghaus, dem Leiter der Abteilung, und weiteren Mitarbeitenden hat er dazu kurze mentale Gesundheitstrainings entworfen, die man relativ einfach im Alltag ausführen kann. Das können Atem- und Entspannungsübungen sein, aber auch Imaginationsübungen, Aktivitätenplaner oder Erfolgstagebücher. Allerdings reagieren Menschen sehr unterschiedlich auf solche Maßnahmen. „Es geht letztlich darum, einer Person im richtigen Moment bedarfsgerecht genau diejenige Intervention anzubieten, die ihre psychische Gesundheit am besten stärkt“, sagt Reininghaus. In Fachkreisen spricht man von einer Ecological Momentary Intervention, kurz EMI. Diese wiederum basiert in der Regel auf dem Ergebnis eines Ecological Momentary Assessment (EMA), in dem Aktivitäten, Emotionen und Gedanken der Befragten in ihrer natürlichen Umgebung erfasst werden.

Mittels KI lässt sich die Auswahl einer EMI personalisieren, wie Prof. Dr. Georgia Koppe, Leiterin der Arbeitsgruppe Computational Psychiatry am ZI, erklärt: „Wir nutzen alle Informationen aus den Selbstauskünften und trainieren damit unsere KI-Algorithmen.“ Gemeinsam mit Prof. Dr. Daniel Durstewitz leitet Koppe die KI-Entwicklung des AI4U-Trainings. „Mit den KI-Modellen können wir simulieren, welche Intervention in der jeweiligen Situation am vielversprechendsten ist, um die Stimmung der Nutzerinnen und Nutzer zu heben oder ihre Sorgen zu minimieren“, erläutert sie. Die Forschenden konnten zeigen, dass die Vorschläge der KI besser funktionieren als Trainings, die zufällig oder von herkömmlichen Vorhersagemodellen ausgewählt wurden. „Pro Zeitpunkt erheben wir bis zu 15 verschiedene Datenpunkte“, sagt die Wissenschaftlerin. „Daraus ergeben sich komplexe Zusammenhänge, die nur die KI durchschauen kann.“

Wichtig bei solchen und ähnlichen Anwendungen ist, dass die Nutzerinnen und Nutzer über die Technik informiert sind. „Wir legen die verwendeten Algorithmen und Quellcodes vom Reallabor AI4U offen, damit sie jeder einsehen kann“, betont Daniel Durstewitz, der die Abteilung Theoretische Neurowissenschaften am ZI leitet. Zudem wurden die mehr als 170 Probandinnen und Probanden, die das insgesamt 40 Tage andauernde AI4U-Training absolviert haben, über KI und deren Verwendung aufgeklärt. Die Rückmeldungen der beteiligten Jugendlichen sind überwiegend positiv. Ob dieses KI-gesteuerte Angebot die psychische Gesundheit tatsächlich nachhaltig stärkt, wird derzeit noch wissenschaftlich ausgewertet.  

 „ES GEHT DARUM, EINEM PATIENTEN BEDARFSGERECHT GENAU DIE INTERVENTION ANZUBIETEN, DIE SEINE PSYCHISCHE GESUNDHEIT AM BESTEN STÄRKT.“

Prof. Dr. Ulrich Reininghaus

Leiter der Abteilung Public Mental Health

Training mit Apps

Etwas weiter ist eine App, die bereits in einer klinischen Studie getestet wird und künftig die Psychotherapie unterstützen könnte. „Ein Therapeut sieht seine Patientinnen und Patienten in der Regel einmal pro Woche für eine Stunde – dazwischen passiert aber viel“, sagt Georgia Koppe. Die Anwendung erfasst die Selbstauskünfte und bereitet die Informationen auf, bevor sie dem Therapeuten zugänglich gemacht werden. Er kann dann etwa sehen, wie sich die psychische Verfassung seines Patienten entwickelt. Auf dieser Basis ließen sich in der Zukunft möglicherweise gezieltere therapeutische Entscheidungen treffen, so Koppe, deren Team unter anderem die statistische Aufarbeitung der Daten der App entwickelt hat. Auch der Patient profitiert unmittelbar, da er ein visuelles Feedback zu seinem mentalen Zustand bekommt. Auf diese Weise kann er beispielsweise besser einschätzen, was ihm guttut. Oder er erkennt Zusammenhänge, die ihm vorher nicht bewusst waren.

Solche Ansätze sind im Kern nicht neu –aber: „Bis vor rund zehn Jahren haben wir hier noch ausschließlich mit Tagebüchern gearbeitet“, erinnert sich Ulrich Reininghaus. Schon lange untersucht der Experte, wie sich die Gefühle und das Verhalten von Menschen im alltäglichen Leben entwickeln, wie sie von verschiedenen Einflüssen abhängen und wie daraus psychische Erkrankungen entstehen können. „Wir wissen sehr gut, dass das individuelle Erleben und Verhalten maßgeblich vom Kontext abhängig ist“, erklärt Reininghaus. Um Gesundheitsförderung, Prävention und Therapie zu betreiben, sei es deshalb wichtig, direkt in der Lebenswelt der Nutzerinnen und Nutzer zu agieren. „Mit dem Smartphone verfügen wir hier über ein Werkzeug mit großem Potenzial.“ In einer klinischen Studie konnten Reininghaus und seine Kolleginnen zeigen, dass sich das Selbstwertgefühl von Jugendlichen mithilfe kombinierter Interventionen aufwerten lässt. Die sechswöchige Maßnahme beinhaltete zusätzlich zu Sitzungen mit Fachpersonal für psychische Gesundheit mentale Trainings mit einer Smartphone-App. Sie dienten etwa dazu, den emotionalen Stress in belastenden Situationen zu senken. „Wir wollen, dass solche Strategien nicht nur in Sitzungen besprochen, sondern in den Alltag transferiert werden“, unterstreicht Ulrich Reininghaus. Die Hoffnung ist, dass sich auf diese Weise psychischen Störungen im Erwachsenenalter vorbeugen lässt.

In einem weiteren Projekt untersucht Reininghaus, ob solche App-basierten Interventionen auch helfen, chronische Schmerzen zu lindern. Die Betroffenen sind eher ältere Menschen. „Sie akzeptieren die Maßnahmen aber ähnlich gut wie jüngere, und sie führen sie häufig sogar gewissenhafter durch“, berichtet Reininghaus.

Psychische Störungen entschlüsseln

Die Unterstützung durch KI im Hinblick auf psychische Gesundheit könnte künftig weit über Smartphone-Apps hinausgehen. „Psychiatrische Erkrankungen sind sehr komplex, was die Symptome und die zugrunde liegende Biologie anbelangt“, erklärt Prof. Dr. Emanuel Schwarz, Leiter des Hector Instituts für Künstliche Intelligenz in der Psychiatrie am ZI. „Viele dieser Erkrankungen haben eine erbliche Komponente, man versteht aber nur unzureichend, wie die Genetik funktioniert.“ Die bisherige Forschung habe darüber hinaus gezeigt, dass es bei Menschen mit psychischen Störungen etliche biologische Veränderungen gibt, die aber einzeln immer nur extrem schwach ausgeprägt sind. „Für die konkrete Behandlung sind solche Informationen kaum nützlich“, sagt Emanuel Schwarz. „Und auch die Behandlung orientiert sich an Symptomen, nicht aber an den zugrunde liegenden Krankheitsmechanismen.“

Genau hier kommt die Künstliche Intelligenz ins Spiel. „Mit ihr können wir die vielen verschiedenen Faktoren analysieren“, sagt Schwarz. Das verspreche, psychische Erkrankungen deutlich zielsicherer zu diagnostizieren, als es heute allein aufgrund der Symptome möglich ist. Die KI könne auch vorhersehen, wie eine psychische Erkrankung verläuft. Oder ob eine bestimmte Therapie vielversprechend ist oder nicht. Womöglich vermag die KI auch, Veranlagungen für psychische Störungen aufzudecken. Dann ließe sich bereits früh im Leben gegensteuern. „Das alles wäre für die Behandlung außerordentlich nützlich“, sagt Emanuel Schwarz.

Gemeinsam mit seinem Team untersucht er zu diesem Zweck vor allem, ob sich große unterschiedliche Patientengruppen – etwa solche mit Depressionen – in kleinere einheitlichere Untergruppen aufteilen lassen. „Das kann man immer weiterführen – bis man irgendwann beim einzelnen Patienten landet“, sagt Schwarz. Idealerweise könne es dieses Vorgehen erlauben, anhand des Krankheitsmechanismus individuelle Vorhersagen zu treffen und maßgeschneiderte Lösungen anzubieten: eine personalisierte Medizin also. Dazu integrieren Schwarz und seine Kolleginnen und Kollegen unzählige Daten in ihre Modelle, etwa Informationen aus ärztlichen Untersuchungen, Blutwerte, MRT-Bilder oder die Ergebnisse genetischer Analysen. Bei psychisch erkrankten Menschen können etliche Veränderungen schon viele Jahre vor den ersten Symptomen auftauchen. „Eigentlich müssten wir schon vor der Erkrankung auf das Leben der Menschen schauen“, betont Schwarz. Nur so lasse sich herausfinden, welche Faktoren zu der psychischen Störung führten. Deshalb sind die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Daten interessiert, die abbilden, wie sich die psychische Gesundheit einer einzelnen Person über ihre gesamte Lebensspanne hinweg entwickelt hat. Neben ärztlichen Untersuchungen und Berichten aus einer elektronischen Patientenakte können das auch Gesundheitsdaten sein, die ein Smartphone, eine Smartwatch oder ein Fitnesstracker aufzeichnet sowie Informationen zur Gefühlslage aus Apps wie dem AI4U-Training. 

„MIT KI-MODELLEN KÖNNEN WIR SIMULIEREN, WELCHE INTERVENTION AM VIELVERSPRECHENDSTEN IST, UM DIE STIMMUNG ZU HEBEN ODER SORGEN ZU MINIMIEREN.“

Prof. Dr. Georgia Koppe 

 Leiterin der Arbeitsgruppe Computational Psychiatry

Ein digitaler Zwilling

Die Vision ist, aus diesen Daten einen Digital Mental Twin, einen digitalen mentalen Zwilling zu erschaffen. Mit ihm und den KI-Algorithmen lassen sich verschiedene Szenarien modellieren und Vorhersagen ableiten, beispielsweise ob eine Anfälligkeit für eine bestimmte psychische Erkrankung besteht und wie sich ihr vorbeugen ließe. Ärztinnen und Ärzte könnten mit dem digitalen Zwilling simulieren, welche therapeutischen Maßnahmen oder Medikamente einer psychisch erkrankten Person am wahrscheinlichsten helfen.

Das funktioniert umso besser, je größer die Informationsmenge ist, auf denen die KI-Modelle basieren. In Deutschland schafft das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit gerade die Voraussetzung für große psychiatrische Datenbestände: Über die unterschiedlichen Institutionen und Kliniken hinweg sollen Prozesse für Diagnose, Datenerhebung und -speicherung harmonisiert werden. Vielleicht steht dem digitalen Zwilling bald nichts mehr im Wege.

Aber wollen wir das wirklich? Das interessiert Christian Rauschenberg schon heute. In Interviews erfragt er etwa, wie Menschen mit psychischen Erkrankungen zu solchen und anderen technischen Konzepten stehen. Die bisherige Resonanz sei überwiegend positiv, berichtet Rauschenberg. Wichtig sei den Befragten, dass sie stets selbst die Kontrolle behielten. Das wollen auch Christian Rauschenberg und seine Kolleginnen und Kollegen am ZI: „Die Technik soll sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren – nicht umgekehrt.“

Mehr zum Thema unter: ai4u-training.de

Titelbild: iStock 



Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de