Für ein gemeinsames Verständnis
In der Psychiatrie ist der Trialog wichtig – der Austausch von Erfahrungen zwischen Menschen mit psychischen Erkrankungen, ihren Angehörigen und Fachleuten. Betroffene und Angehörige werden dabei als Erfahrungsexperten betrachtet, Fachleute sind Experten durch Ausbildung. Ziel des Trialogs ist es, ein gleichberechtigtes und offenes gemeinsames Verständnis der psychischen Erkrankung zu gewinnen. Wir haben mit dem Erfahrungsexperten Ronald Fischer über seine Motivation und über die Beteiligungsmöglichkeiten Betroffener gesprochen.
von Martina Müller-Keitel
Herr Fischer, welche Erfahrung hat Ihre Perspektive als Betroffener geprägt?
Ronald Fischer: Ich war schwer suchtkrank. Bereits als Jugendlicher habe ich, ohne jegliches Problembewusstsein, regelmäßig Alkohol getrunken. Nach ein paar Runden Bier im Freundeskreis fühlte ich mich gut und frei von Angst. Mit den Jahren bin ich schleichend immer tiefer in die Alkoholabhängigkeit hineingerutscht – ohne es wahrhaben zu wollen. Meine Selbsttäuschung hat lange gut funktioniert. Obwohl ich immer exzessiver trank, konnte ich in meiner Familie und auf der Arbeit eine Fassade der Normalität aufrechterhalten. Erst als ich am absoluten Tiefpunkt angelangt war, wurde mir klar, dass ich die Karten auf den Tisch legen und Hilfe suchen muss, wenn ich noch eine Lebensperspektive haben will. Es war ein langer, mühevoller Weg, auf dem ich immer wieder Rückschläge überwinden musste. Aber ich habe auch wertvolle Unterstützung erhalten, sowohl aus meinem privaten Umfeld als auch von Therapeuten und Selbsthilfegruppen. Heute weiß ich, dass Alkoholismus auch eine Gefühlskrankheit ist. Ich habe gelernt, ehrlich zu mir selbst zu sein, meinen Alltag konsequent ohne Alkohol zu gestalten und Hilfe anzunehmen. Ich kann wieder lachen und genieße ein erfülltes Leben. Eine solche Chance wünsche ich auch anderen suchtkranken Menschen.
Wie kam es dazu, dass Sie Ihre Erfahrungen heute aktiv in den Austausch zwischen Forschenden und Betroffenen einbringen?
Ronald Fischer: Als ich mich vor fünf Jahren um eine Stelle am ZI bewarb, ging es mir explizit darum, meine persönliche Sucht- und Genesungserfahrung in den Dienst der Forschung und Prävention zu stellen und zur Entstigmatisierung von Alkoholabhängigkeit beizutragen. Ich war hoch motiviert durch ein Bachelorstudium Bioscience and Health, das ich im Alter von 48 Jahren begonnen hatte. Das ZI ist bekannt für die enge Verknüpfung von Behandlung und Forschung, und tatsächlich stieß ich hier mit meiner Betroffenenperspektive auf offene Türen. Schon seit dem ersten Jahr meiner Tätigkeit komme ich mehrmals im Jahr mit weiteren Betroffenen, Angehörigen und Forschenden im ZI-Betroffenenbeirat zusammen, um gemeinsam aktuelle Forschungsvorhaben zu diskutieren. Zusätzlich ermutigt hat mich im Jahr 2021 die Chance, unseren Standort im Trialogischen Zentrumsrat des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit, kurz DZPG, einem der großen vom Bundesforschungsministerium geförderten Zentren für Gesundheitsforschung, zu repräsentieren.
Welche Beteiligungsmöglichkeiten hat der Trialogische Zentrumsrat?
Ronald Fischer: Bereits in der Konzeptionsphase floss das Erfahrungswissen des Trialogischen Zentrumsrats in die Entwicklung eines standortübergreifenden Forschungsprogramms ein. Seitdem das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit im Mai 2023 seine Arbeit aufgenommen hat, begleitet der Rat die wissenschaftlichen Projekte von der ersten Idee über die Antragstellung bis zur konkreten Umsetzung. Auf Initiative des Zentrumsrats läuft derzeit ein Projekt, an dem sich psychiatrieerfahrene Menschen deutschlandweit über ein mehrstufiges Verfahren beteiligen können, um einen Forschungskompass Mentale Gesundheit zu erarbeiten. Und beim aktuellen Aufbau einer vernetzten Dateninfrastruktur wurde auch an eine systematische Erfassung und Evaluierung der Wirksamkeit von Beteiligung gedacht. Ich bin zuversichtlich, dass sich die Situation psychisch Erkrankter dank der vielfältigen Möglichkeiten der partizipativen Forschung hier am ZI wie auch im Rahmen des DZPG spürbar verbessern wird.
„ICH MÖCHTE MEINE PERSÖNLICHE SUCHT- UND GENESUNGSERFAHRUNG IN DEN DIENST DER FORSCHUNG UND PRÄVENTION STELLEN.“
Zur Person: Ronald Fischer ist Vorsitzender des ZI-Betroffenenbeirats, als Erfahrungsexperte engagiert er sich zudem im Trialogischen Zentrumsrat des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit. In seinem Hauptberuf als Laboringenieur unterstützt Ronald Fischer Forscherinnen und Forscher des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit bei der technischen Umsetzung von Laborexperimenten.
Foto: © Daniel Lukac
Aus dem Jubiläumsmagazin
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) - https://www.zi-mannheim.de